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Grundbildungszentren in Deutschland

Screenshot: rgz.nds.de
Am 2.Mai wurde das Berliner Grundbildungszentrum eröffnet. Mich freut das nicht nur für die Grundbildungsarbeit in Berlin, sondern auch ganz persönlich: als Mitarbeiterin dort darf ich den Aufbau des Zentrums mitgestalten.
Grund genug, sich andere deutschlandweite Grundbildungszentren anzuschauen: Wo gibt es welche und was machen die da?

Hamburg hat schon lange ein "Zentrum Grundbildung und Drittmittelprojekte" an seiner Volkshochschule. Ein spannendes Projekt sind zum Beispiel die Selbstlernzentren. An zwei Standorten, eingebunden in Quartierstruktur, gibt es Beratung und Angebote für lernungewohnte Menschen. Hier können sie in Lerncafés lernen oder sich beraten lassen, welcher Kurs am besten zu ihnen passt. In Zusammenarbeit mit Partnern werden z.B. niedrigschwellige Computer-, Gesundheits- oder Sprachkurse angeboten.

In Niedersachsen gibt es acht Regionale Grundbildungszentren (RGZ) an acht verschiedenen Standorten mit verschiedenen Arbeitsschwerpunkten. Gemeinsam haben sie, dass sie anderen Bildungsträgern und Volkshochschulen beratend zur Seite stehen. Zusätzlich erproben sie Konzepte und Materialien.
Die acht Standorte sind:

Braunschweig: Ähnlich wie die Selbstlernzentren in Hamburg arbeiten auch die Braunschweiger besonders an dezentralen Lernangeboten (mobilen Laptop-Kursen) in einer engen Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen, wie Nachbarschaftstreffs, Stadtteilläden,... Außerdem wurde ein Bündnis "Initiativkreis Grundbildung" aus verschiedenen Einrichtungen gegründet, die vor allem Firmen und Unternehmen für das Thema aufschließen wollen.

Göttingen: Auch in Göttingen wird die Netzwerkarbeit vorangetrieben, mit dem angestrebten "Bündnis für Alphabetisierung und Grundbildung Niedersachsen".

Hannover: Hier setzt man sich für die arbeitsplatzbezogene Grundbildung ein. Zwei städtische Betriebe wurden gewonnen, um deren Bedarfe zu ermitteln. Daraufhin wurden Kursangebote gestartet und Personalverantwortliche geschult.

Lüneburg: Umfangreiche Aktivitäten bündeln sich in Lüneburg. An (teilweise an verschiedenen Standorten eingesetzten) Laptops wird in Comcafés gelernt. Mit den verschiedensten Einrichtungen werden Vernetzung Kooperationen und Aufklärungsarbeit betrieben. Die neu gegründete Selbsthilfegruppe Wortblind wird unterstützt.

Oldenburg: das RGZ dort arbeitet besonders im Bereich der Family Literacy, an der Lernsoftware Beluga und unterstützt die Selbsthilfestrukturen.

Osnabrück: hat eine "Kontaktstelle Alphabetisierung" eingerichtet, an der Vernetzung, Aufklärung und Beratug Betroffener gemeinsam betrieben wird.

Stade: Da das RGZ in Stade von einem evangelischen Träger betrieben wird, werden vor allem diese Kontakte (Kirchengemeinden, kirchliche Einrichtungen, Diakonie) in die Netzwerkarbeit einbezogen und sensibilisiert. Stade denkt über die Einrichtung von dezentralen Treffpunkten nach, an denen Menschen mit und ohne Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben miteinander ins Gespräch kommen.

Weserbergland: Die Aktivitäten wenden sich besonders an die Jugendanstalt Hameln, Verschiedenste Einrichtungen sollen über einen Runden Tisch ins Gespräch kommen. Dazu sollen lokales Radio und Zeitung für die Öffentlichkeitsarbeit gewonnen werden, wobei Leichte Sprache eine wichtige Rolle spielen wird.

Interessant ist die Evaluation der Arbeit der Niedersachsener Grundbildungszentren durch Prof.Dr.Anke Grotlüschen - hier als pdf einsehbar. 


Für Brandenburg wurde von Frau Dr. Eva-Maria Bosch auf dem Fachtag des LISUM die Ausschreibung von acht Grundbildungszentren angekündigt.
In anderen Bundesländern, wie bspw. Rheinland-Pfalz oder Sachsen gibt es bereits etablierte starke Bündnisse, die zwar nicht den Namen 'Grundbildungszentrum' tragen, aber dennoch deren Funktion ausfüllen.

Europäische Workshops für Lehrende in der Alphabetisierung und Grundbildung (Grundtvig)

Der Buchstabe A in Groß- und Kleinschreibung
Quelle: http://www.na-bibb.de
Europa hatte Projektgelder ausgeschrieben, die nur für die Alphabetisierung und Grundbildung gedacht waren. Im Zeitraum zwischen dem September 2013 und August 2014 wurden und werden die so finanzierten Workshops durchgeführt. Höchste Zeit also, einmal zu schauen, was da so gemacht wurde! Dabei konzentriere ich mich auf die deutschen Workshops, obwohl natürlich auch viele andere europäische Länder beteiligt waren. Einen Katalog, der alle Workshops aufzählt und beschreibt, findet man hier.

Methoden

 

Viele der Workshops hatten das Ziel, eine neue oder andere Form des Lernens zu untersuchen. Dabei gibt es Lernen durch Spiele, durch digitale Medien, durch Bilder und durch Comics. Lernen mit allen Sinnen, mit Körpersprache, mit Musik und Bewegung. Andere Workshops untersuchen die Möglichkeiten des kreativen Schreibens und des (biografischen) Geschichtenerzählens im Alphabetisierungsunterricht. Es gibt auch Workshops, die ein Thema (Zeit, Wasser, Reisen) als Ausgangspunkt für Alphabetisierungsunterricht suchen.
Spannend klingt der Workshop zum Geschichtenerzählen: "Storytelling als motivierende Methode beim Erlernen der Schriftsprache" vom Landesverband der Volkshochschulen Sachsen-Anhalt. Die Methode wird dort in verschiedenen Formen ausprobiert und diskutiert. Dabei sind - das ist ja auch immer ein Qualitätsmerkmal von solchen Veranstaltungen - Lernende beteiligt, die mitmachen und ihre Sichtweise erklären.

Grundbildungsthemen

 

Bei den Workshops geht es vor allem um den Schriftspracherwerb. Aber darüber hinaus werden auch andere Grundbildungsthemen angesprochen. In diesen Workshops geht es um Beteiligung - also wie Grundbildungskompetenzen im Unterricht geübt werden können, so dass sie auch im Alltag der Lernenden sicher benutzt werden können.  Andere Workshops haben Themen wie Gesundheit oder Medienkompetenz.

Über den Unterricht hinaus

 

Gute Alphabetisierungs- und Grundbildungskurse reichen nicht. Sie müssen auch in andere Einrichtungen,  Netzwerke und Foren eingebunden sein, sie müssen im Austausch stehen. Auch dazu gibt es einige Gruntvig-Workshops: zu Kooperationen oder zu "Brückenmenschen" (wie Multiplikatoren, Mentoren, Bildungsagenten) in der Alphabetisierung.



Lesen und Schreiben e.V. feiert Jubiläum!

30 Jahre gibt es ihn nun schon. 1983 wurde er als deutschlandweit zweitältester Verein zum Thema Alphabetisierung gegründet: Lesen und Schreiben e.V. Berlin. Und das wurde am 25.10. gefeiert.

Viele ehemalige und derzeitige Lernende waren dabei, viele Lehrende und Ehrenamtliche, Berliner und Neuköllner Politiker und Politikerinnen; Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus sozialen Einrichtungen, Arbeitsvermittlungen, Bildungseinrichtungen und so weiter und viele andere Freunde des Vereins.

Es gab Reden der Bildungssenatorin, Sandra Scheeres, der Neuköllner Bildungsstadträtin, Dr. Franziska Giffey, und Elfriede Haller aus dem Vorstand des Bundesverbands Alphabetisierung und Grundbildung. Es fanden Lesungen mit wunderbaren Texten von Lernenden statt, Filmvorführungen und ein Sofagespräch, bei dem Dr. Ulrich Raiser (Senatsverwaltung Bildung) und Elfriede Haller Fragen des Publikums beantworteten. Und natürlich wurde festlich gespeist!

Es gab Stolz, Freude, Dankesworte, es gab bewegende Momente und Rückblicke. Aber es gab auch den Ausdruck von Wut und Frustration über die immernoch schwierigen Bedingungen unter denen der Verein arbeiten muss, und die nicht nur dem Verein und vielen Lernern und Lernerinnen, sondern letzlich der Gesellschaft schaden.

Es gibt noch viel zu tun - wir sind gespannt auf die nächsten 30 Jahre!


Dazu auch:



Akteure der Alphabetisierung: Karsten Cornelius

Karsten Cornelius

  • Webentwickler, Designer, Programmierer, Erwachsenenbildner
  • Seit 2003 in der Alpabetisierung an der VHS Oldenburg tätig
  • Aktuell als Entwickler im Projekt abc+ und im Regionalen Grundbildungszentrum (RGZ) Oldenburg tätig
  • Kursleiter für "Rechnen" und "Computer"
  • Betreut die ABC-Selbsthilfegruppe Oldenburg bei Webauftritt u.a.
  • Bloggt auf grundbildung.org

1.) Warum haben Sie sich / hast du dich dazu entschieden, im Bereich der Alphabetisierung und Grundbildung zu arbeiten?

Ich bin Quereinsteiger und 2003 rein zufällig in diesem Bereich gelandet. Dabei hatte ich immer das Glück, in einem wundervollen Team arbeiten zu können. Bei der Arbeit im Alpha- und Daf-Bereich faszinieren mich die Einblicke in völlig andere Lebensgeschichten und Realitäten bis heute - eine echte Horizonterweiterung und Inspirationsquelle. Mittlerweile ist mir die gesellschaftspolitische Bedeutung stärker bewusst geworden und ich möchte gern einen Beitrag leisten.


2.) Welche Tätigkeit hat Ihnen/dir bisher in diesem Bereich am meisten Spaß gemacht?

Am meisten Spaß macht mir die Mathematik und sie den Teilnehmern näher zu bringen. Außerdem entwickle ich sehr gern Lernsoftware, was ich ja momentan ausgiebig tun darf. Auch die Arbeit mit der ABC-Selbsthilfegruppe macht mir viel Spaß und ist mir sehr wichtig. Dort kümmere ich mich um Website, Gestaltung, Druckvorlagen, sowie um Fortbildungen zu PC und Internet.


3.) Wie sehen Sie / siehst du die Zukunft in diesem Bereich, bzw. was ist Ihrer/deiner Meinung nach derzeit das dringlichste Problem?

An den beiden Hauptproblemen - allgemeine Finanzierung der Arbeit und Erreichen der Zielgruppe - wird sich meiner Einschätzung nach kurzfristig nichts ändern, auch deshalb, weil sie sich teilweise gegenseitig bedingen. Es wird auch weiterhin Beharrlichkeit beim Bohren dicker Bretter gefragt sein. Bei der konkreten Arbeit in den Kursen wird "Web Literacy" als vierte Grundbildungskompetenz sicherlich an Bedeutung gewinnen. Das bedeutet, dass entsprechende Angebote geschaffen werden müssen.


4.) Was möchten Sie / möchtest du dem beruflichen Nachwuchs mit auf den Weg geben?

Sich einlassen auf die Leute, möglichst auf Augenhöhe, es lohnt sich in mehrfacher Hinsicht. Außerdem stets an die Balance denken: Einerseits immer auch selber lernen und sich für neue Entwicklungen interessieren: »Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit!«
Andererseits den Blick fürs Wesentliche nicht verlieren: »Weniger ist oft mehr!«


5.) Was ist Ihr / dein Lieblingswort?

Oh, das ist schwer, da könnte ich lange drüber sinnieren. Ich habe ein Faible für altmodische oder mundartliche Schimpfwörter, wie z.B. "Dösbaddel", weil die meist nicht so aggressiv, sondern beinahe liebevoll klingen.

Authentische Texte im Alpha-Unterricht

In meinem Alpha-Integrationskurs (6.Modul) setzen wir das Lehrwerk "Erste Schritte - Vorkurs" ein und haben im 6. Kapitel gerade die Strukturen "ich mache gern" geübt. "Ich fahre gern Fahrrad." oder "Ich koche nicht gerne." usw. Dazu ist mir dann in der letzten Woche ein wunderbarer Text in die Hände gefallen, in dem gerade diese Struktur häufig vorkommt und der eine gute, authentische Ergänzung zu unserem Lehrwerkalltag darstellt.

In dem Buch "Ich bin keine Schreibmaschine" werden Texte von deutsch sprechenden funktionalen An-Analphabeten zusammen mit Fotografien der Betroffenen abgedruckt. Sie wurden vom AOB herausgegeben. Ich habe meinen Kursteilnehmern also erzählt, dass es auch viele deutsche Muttersprachler gibt, die Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben haben (eine Info, die man ja sowieso und immerzu in der Öffentlichkeit verbreiten sollte, da sie so wenig im Bewusstsein der Menschen ist).

Den Text, den ich gewählt habe, ist der von Thomas (S.30/31). Er ist recht klein gedruckt, aber ich habe ihn mit Absicht nicht vergrößert kopiert, um eben auch das Lesen der kleineren Schriftart zu beüben. Die TN hatten damit kaum Probleme. Gut zu wissen!
Der Text ist von einem Lerner in einer einfachen Sprache verfasst, und besteht überwiegend aus Hauptsätzen und sich wiederholenden Strukturen. Die Struktur "Ich ... gerne..." kommt 8-mal vor.

Ich habe den Text zunächst in Stillarbeit lesen lassen. Da kann sich jeder in seinem Tempo ohne Druck mit dem Text auseinandersetzen. Ich habe die Teilnehmer gebeten, Wörter, deren Bedeutung sie nicht kennen, an die Tafel zu schreiben. Es gab schon recht neuen und unbekannten Wortschatz und lange Wörter, wie "Ventilator", "Schlachtensee" (für Nicht-Berliner: das ist der Name eines Sees bei uns), "Wohngemeinschaft", usw. Danach habe ich ein Arbeitsblatt ausgeteilt, auf dem nur die Bilder abgedruckt waren: Cliparts von einem Ventilator und einem See, usw. "Wohngemeinschaft" schien etwas schwierig visuell darstellbar, aber ich habe ein Bild von einer Wohnung und ein Bild von mehreren Menschen (deutlich keine Familie) zusammengetan. Die Teilnehmer mussten nun Wörter und Bilder zuordnen und greifen dabei auf Strategien zurück: "Ventilator" heißt z.B. in Portugisisch ähnlich, der See passt zu dem Wort "Schlachtensee", die abgebildete Wohnung macht zusammen mit dem Wort "Wohngemeinschaft" Sinn. Zusammen klären wir abschließend die Wörter.

Danach gab es ein Arbeitsblatt mit Fragen zum Text. Jetzt, wo alle Wörter klar sind, gehen die Teilnehmer noch einmal in Einzel- oder Partnerarbeit den Text durch und beantworten die Fragen. Wir kontrollieren die Fragen zusammen und lesen den Text Satz für Satz - wobei ich, wenn das notwendig sein sollte, die Sätze paraphrasiere und erkläre.

Dann legen alleTeilnehmer die Texte weg und sie versuchen, sich gemeinsam an so viele Details wie möglich zu erinnern. Diese Details werden an der Tafel als Wortigel festgehalten. Wenn niemandem mehr etwas einfällt, dürfen wir zurück in den Text schauen: Haben wir etwas vergessen? Was?
Ich bitte die Teilnehmer dann, alle Verben im Text anzustreichen. Das klappte interessanterweise jetzt auch bei denen gut, die mit grammatischen Phänomenen sonst oft Schwierigkeiten haben. Sicherlich lag das daran, dass die meisten Sätze einfach gehalten und als Hauptsätze mit Verbzweitstellung geschrieben wurden. Wir markieren dann auch das Wort "gerne" und zeigen noch einmal, dass es in den allermeisten Fällen nach dem Verb steht.

Man kann die Unterrichtseinheit dann mit spannenden Diskussionen beenden: Wo geht es den Teilnehmern ähnlich wie Thomas, wo geht es ihnen anders? Vielleicht schreiben sie auch 4-5 Sätze über sich - was sie gerne machen, was ihre Familie macht, welches Verhältnis sie zu ihnen haben.

Fazit: Texte von Lernern sind eine wahre Fundgrube zur Unterrichtsgestaltung. Sie sind authentisch und einfach genug, damit Anfängerkurse sie verstehen können. Einen richtigen langen Text in kleiner Schrift lesen und verstehen zu können, war für meine Teilnehmer ein großer Motivationsschub. Es gibt unzählige Möglichkeiten, diese Texte aufzubereiten und kleine Aufgaben zu gestalten.

Texte von Lernern finden Kursleiter und andere Interessierte auch in der ABC-Zeitung der Oldenburger Selbsthilfegruppe oder die Lerner-Zeitung des Vereins Lesen und Schreiben e.V.

Akteure der Alphabetisierung: Andreas Brinkmann

Andreas Brinkmann


1.) Warum haben Sie sich / hast du dich dazu entschieden, im Bereich der Alphabetisierung und Grundbildung zu arbeiten?
Weil ich Alphabetisierung als Fundament der Bildungsarchitektur sehe. Das ist ein wichtiges und leider oft zu wenig beachtetes Handlungsfeld wo man unbedingt ran muss! Benachteiligtenförderung zieht sich durch meine Biografie, bringt viele pädagogische Erfolge und macht Spaß – auch wenn es natürlich manchmal arbeitsaufwändig ist.
2.) Welche Tätigkeit hat Ihnen/dir bisher in diesem Bereich am meisten Spaß gemacht?
Der Unterricht mit Strafgefangenen in der JVA Münster ist absolut klasse. Die Teilnehmer sind sehr motiviert, gerade heraus, neugierig und mit Spaß bei der Sache. Hier erlebe ich sinnstiftende Arbeit live und in Farbe. Ich bin mal so frei und beschreibe noch eine zweite Situation: Mit einem Betroffenen, der von seinen Erfahrungen aus einer Welt ohne Schrift und seinen Erfolgen berichtet in der Halbzeitpause vor 50.000 Zuschauern in ´nem Fußballstadion auf dem Spielfeld zu stehen und gemeinsam für Alphabetisierung zu werben, das war eine verdammt prickelnde Sache!
3.) Wie sehen Sie / siehst du die Zukunft in diesem Bereich, bzw. was ist Ihrer/deiner Meinung nach derzeit das dringlichste Problem?

Ich finde beim Wahr- und Ernstnehmen des Problems funktionaler Analphabetismus ist bildungspolitisch noch deutlich Luft nach oben. Neben neuen Kursinhalten und „herausreichenden“ Angeboten, die in Sportvereinen, Nachbarschaftszentren, Kirchengemeinden, Gefängnissen, Familienzentren usw. angeboten werden sollten verlässlichere Rahmenbedingungen für die Akteure geschaffen werden. Für viele ist es langfristig schwierig, jahrzehntelang ehrenamtlich, auf Honorarbasis und noch dazu oft befristet zu arbeiten. Ich glaube dass es sehr wichtig ist, langfristig engagierten Nachwuchs zu finden und aufzubauen und Projekte langfristiger zu bewilligen oder zu entfristen.

4.) Was möchten Sie / möchtest du dem beruflichen Nachwuchs mit auf den Weg geben?
Engagiert euch in diesem spannenden Feld! Das ist für die Lernenden und für euch persönlich bereichernd, politisch und ökonomisch wichtig und bringt eine Menge spannender Erfahrungen und Erfolgserlebnisse!
5.) Was ist Ihr / dein Lieblingswort?
Mein Lieblingswort wird leider gerade abgeschafft: Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz! Nein mal im Ernst: Bildung. Da steckt so ziemlich alles Wichtige drin.

Tagung in Königswinter: "Rahmencurriculum und Kurskonzept für eine abschlussorientierte Grundbildung"

Quelle: bildungsverband.info
Alphabetisierung und Grundbildung haben eine besondere Stellung in der deutschen Bildungslandschaft. Diese Aussage ist nicht so positiv gemeint, wie sie klingt, aber sie ist auch nicht ausschließlich negativ gemeint. Nur eben so, dass in der Alphabetisierung/Grundbildung vieles anders ist. Zum Beispiel gibt es nur wenig Möglichkeiten zur Kursleiterqualifizierung; Alphabetisierung/Grundbildung sind nur wenig bis gar nicht Teil eines Lehramts- oder DaF-Studiums; es gibt vergleichsweise wenig Lehrwerke und Materialien, und vieles mehr. Und ein standardisiertes Rahmencurriculum, kaum wegzudenken aus Schule und Integrationskurs (wieder soll in der Aussage weder ein positiver noch negativer Tonfall mitschwingen), gibt es auch noch nicht. Das aber soll sich ändern, da das Team um PD Dr. Angela Rustemeyer seit Januar 2012 und bis 2014 an einem "Rahmencurriculum für die abschlussorientierte Grundbildung" arbeitet. Ergebnisse wurden jetzt auf einer Tagung in Königswinter (09./10.10) vorgestellt.

Hier eine kurze Zusammenfassung von Inhalten, so wie ich sie auf dem Tagungsbesuch wahrgenommen habe.
  • Die Inhalte des Rahmencurriculums basieren auf den Inhalten der lea.-Diagnostik.
  • Das Curriculum wird die Fähigkeiten Lesen, Schreiben und Rechnen auf den Leveln Alpha1-Alpha4 (z.T. auch Alpha5) enthalten - ein besonderer Bezug zum Berufsleben (Altenpflegehilfe, Metallverarbeitung) ist vorgesehen.
  • Eine feste ExpertInnengruppe von Alphabetisierungslehrenden, die schon lange in der Alphabetisierungspraxis stehen, kooperiert mit dem Projektteam.
  • Das Rahmencurriculum ist "abschlussorientiert", d.h. beinhaltet den Erwerb von Zertifikaten und die Durchführung von Tests.
  • Es kleinschrittig angelegt, so dass auch minimale Lernziele dokumentierbar sind.
  • Es zielt darauf ab, neue Lernende zu gewinnen: Lernende auf Alpha3-Level und Jugendliche im Übergang Schule-Beruf.
  • Zusätzlich zum Curriculum sind geplant: Lehrwerk, Kurskonzept, Fortbildung (als Modul in ProGrundbildung), Prüfungen (Kooperation mit TELC), Verlinkung mit dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen.
  • Die sozialpädagogische Seite soll im Kurskonzept berücksichtigt werden, aber nicht Teil des Unterrichts sein.
  • Das Rahmencurriculum soll ausdrücklich nicht zur Klassifizierung und Selektion von Lernenden benutzt werden. Das Projektteam betont die Individualität des einzelnen Lerners und des jeweiligen Lernprozesses. Ergebnisse sollen keine Sanktionen bedeuten.
    (Allerdings: wie können genau diese Entwicklungen überhaupt verhindert werden?)
In der zweiten Hälfte des nächsten Jahres ist eine Erprobungsphase geplant. Ganz verschiedene Träger mit verschiedenen Kursformaten können sich für eine solche Erprobung zur Verfügung stellen.

"Wandel von Lehr- und Lernmaterialien" - bildungsforschung

QUelle: bildungsforschung.org
Da werde ich nostalgisch: die große Geo-Karte mit den Ländern Europas (ohne Beschriftung), an der wir Länder und Hauptstädte finden sollten. Der riesige Plastezirkel, an dem man Kreide anbringen konnte. Das lange Holzlineal, das wahlweise auch zum Zeigen (auf besagte Geo-Karte oder auf Schüler) verwendet wurde. Und natürlich "Chatterbox", mein allererstes Englischlehrbuch mit der androgynen Captain Shadow und Zero, ihrem zotteligen Hund.

Die Schule der Zukunft dagegen stellen ich mir wie aus Science Fiction Filmen vor: mit holografischen Karten, die vor einem schweben, und die diverse Piepsgeräusche von sich geben. Und mit Sprachsteuerung. Und Bücher gibt's schon lange nicht mehr.

Und was liegt dazwischen? Google Maps und Tablet-Computer? Dieser Frage widmet sich die neue Ausgabe "bildungsforschung" zum Thema "Wandel von Lehr- und Lernmaterialien". Sie kann hier kostenlos eingesehen und heruntergeladen werden. Besonders interessant finde ich den Beitrag von Monika König und Martin Ebner zur vergleichenden Analyse vom traditionellen Schulbuch und neuen E-Book Formaten.

Tagungsbericht: "Situation, Motivation, Angebote - 10. Fachtagung Alphabetisierung" - dritter Tag

Der
21.09.2012
war der letzte Tag der zehnten Fachtagung Alphabetisierung, und der Endspurt konnte beginnen.


Rudolf Hahn stellte in seinem Input-Vortrag "Grundbildung zur ChefInnnensache machen! Das Trierer Top-Down Modell" das Trierer Bündnis für Alphabetisierung und Grundbildung vor.  Das vor anderthalb Jahren mit 56 Bündnispartnern gegründete Netzwerk hat inzwischen über 70 Partner aus allen Bereichen: Jobcenter und Krankenkasse, Kammern und Gewerkschaften, Sparkassen, Caritas, Wohlfahrtsverbände und, nicht zuletzt, Bildungseinrichtungen.

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Quelle: ichance.tv
Timm Helten und Jan-Peter Kalisch gaben anschließend Tipps zum Einsatz von sozialen Netzwerken "auf der Suche nach der Zielgruppe". Sie zeigten Möglichkeiten, aber auch Gefahren von Facebook et al. und beendeten den Vortrag mit der Live-Vorführung ihres Facebook-Spiels "Das Dennis-Spiel", einer Art Galgenraten im Stil der Pseudo-Gewinnspiele auf einschlägigen TV-Kanälen wie 9Live.

Quelle: Enrico
Nach einer Kaffeepause berichtete Elfriede Haller zusammen mit Horst Uhrig von den "Erfahrungen, Schwierigkeiten und Erfolgen seit Beginn der Lerner-Bewegung". Neben Anekdoten fielen auch ernsthafte und mahnende Worte. Dies fand dann seinen Höhepunkt in der gemeinsamen Versammlung der meisten anwesenden Lerner/innen auf der Bühne. Es gab Dankesworte an Organisatoren/innen und Lehrer/innen aber durchaus auch kritische Stimmen: Warum werden die Lerner/innen immernoch zu selten in Marketingstrategien und Organisationsbelange eingebunden? Lernende sind nicht nur "die besten Botschafter", wie es im Tagungsprogramm hieß, sie sind auch die wahren Experten. Niemand weiß so gut wie sie, wie eine Ansprache glücken kann, was verstanden, akzeptiert und angenommen wird. Niemand kann eine solche echte Aufmerksamkeit und Gänsehautatmosphäre generieren. Niemandem werden potentielle, neue Lerner stärker vertrauen und sie nachahmen wollen. Die aktiven Lerner auf der Bühne wünschen sich daher eine noch stärkere Einbeziehung in Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeitsarbeit, und ich wünsche sie mir auch.



Sowohl unsere Lerner/innen als auch Mitarbeiterinnen fuhren mit vielen neuen Eindrücken und Ideen nach Hause. Im Gepäck haben wir neben den reinen Informationen und neuen Kontakten auch ein Stück Zusammengehörigkeitsgefühl und ein Stück Motivation, das uns allen durch den nicht immer leichten Arbeitsalltag helfen wird. Und damit ist sicher schon ein ganz wichtiges Tagungsziel erreicht!

Blogentry zum ersten Tag
Blogentry zum zweiten Tag der Fachtagung

Tagungsbericht: "Situation, Motivation, Angebote - 10. Fachtagung Alphabetisierung" - erster Tag

Quelle: www.alphabetisierung.de
"32 Workshops, 7 Input-Vorträge, 3 Talkformate, ein Infostand", so beschreibt der Bundesverband für Alphabetisierung und Grundbildung die zehnte Fachtagung Alphabetisierung in der Tagungsmappe. Rückblickend (stattgefunden hat sie vom 19.-21.09.) möchte man noch ein paar Zahlen ergänzen: 3 spannende Tage, ca. 240 Teilnehmer/innen, 2 Moderatoren/innen, so viele Lerner/innen wie noch nie zuvor (da fehlt mir leider eine genaue Zahl), ... und unzählige neue Informationen, Kontakte und Eindrücke.

Der
19.09.2012
begann mit Grußworten von Bart van der Meer, Erstem Stadtrat von Bad Wildungen, und Birgid Oertel vom Hessischen Kultusministerium.  

Peter Hubertus, der Geschäftsführer des Bundesverbands Alphabetisierung und Grundbildung, brachte die - auch hier im Blog - schon öfter angesprochene Terminologiefrage auf den Tisch: Wie sprechen wir von unserer Zielgruppe? Wie auch Frau Prof. Grotlüschen schon auf der LISUM-Tagung (mein Blogentry) feststellte, sollte der Begriff des "funktionalen Analphabetismus" Wissenschaft, Politik, Medien und Öffentlichkeit vorbehalten sein. Es müsste uns jedoch immer bewusst sein, dass sich die wichtigen Gruppen der Betroffenen, Vertrauenspersonen und auch Unternehmen davon nicht angesprochen fühlen. Dadurch ergibt sich ein Dilemma, das in jeder Veröffentlichung und in jeder Ansprache neu gelöst werden muss.

Marion Döbert gab anschließend einen Überblick zur "Situation von Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland im Spiegel der UN-Weltalphabetisierungedekade". Sie holte dabei weiter aus, denn eine vollständige Beschreibung der Dekade bedeutet auch einen Vergleich mit der Situation VOR der Dekade. Für jemanden wie mich, die noch nicht 30 Jahre Erfahrung in der Alphabetisierungsarbeit hat, war das eine wunderbar komprimierte Darstellung aller Meilensteine seit den 80er Jahren. Es zeigte aber auch deutlich, wie wenig in dem Bereich tatsächlich erreicht werden konnten, und wie weit wir noch selbst von akzeptablen Teilergebnissen entfernt sind. Zu dem gleichen Fazit führte auch Frau Döberts Gegenüberstellung von den "Bernburger Thesen zur Alphabetisierung" und den konkreten Ergebnissen am Ende der Dekade.
Sie war am Ende sehr unter Zeitdruck den Vortrag auch in der gegebenen Zeit zu beenden, aber, Frau Döbert, Ihrem informativen und unterhaltsamen Input hätten wir noch ewig zuhören können!

Prof. Anke Grotlüschen begann ihren Vortrag mit der Aussage, endlich einmal nicht die "Essentials" der leo-Studie vorstellen zu müssen. Stattdessen kam sie auf die neuen Ergebnisse internationaler Studien zu sprechen. Darunter besonders interessant: die "skills for life"-Studie aus Großbritannien wurde nun zum zweiten Mal durchgeführt, und so können die Ergebnisse der Alphabetisierungsarbeit seit 2003 ausgewertet werden. Es zeigte sich, dass trotz Investitionen keine signifikante Senkung der Zahlen erreicht werden konnte - was Frau Grotlüschen mit der falschen Investition der finanziellen Mittel erklärte. Weiterhin besprach sie die auseinandergehenden Ergebnisse von Alpha-Panel (einer Studie, die nur VHS-Kursteilnehmer befragte) und der leo-Studie und schließlich die leo-Studie mit Fokus auf dem Thema Beruf und Arbeit.

Quelle: Enrico
Vertreter/innen von Selbsthilfegruppen stellten ihr Lerner-Manifest mit einem kleinen Imagefilm vor. Das Manifest wurde im Austausch mit anderen Lernern aus Belgien, Deutschland, Irland, Frankreich, den Niederlanden und Spanien erstellt und kann hier nachgelesen werden.

Quelle: bildungsklick.de
Dagmar Ludzay stellte im Anschluss die neue Werbekampagne des BMBF "Lesen und Schreiben - mein Schlüssel zur Welt" vor, die zeitgleich in Berlin offiziell von Ministerin Annette Schawan eröffnet wurde. Die drei kurzen Werbespots (TV: 35s, Kino: 45s), in denen Erfolgsgeschichten präsentiert werden, wurden dem Publikum gezeigt und wurde in der anschließenden Diskussion kontrovers diskutiert.

Nach einer Kaffeepause begann dann der erste Workshop. Ich hatte mich für Peter Hubertus' "Zentrale Fragen von Unterricht, Kursangeboten und Perspektiven der Alphabetisierung" entschieden. Basierend auf den Fragen der Workshopteilnehmer ergaben sich u.a. folgende thematische Schwerpunkte:
  • Wie können Kursangebote im ländlichen Raum verankert werden? (hier wurde die überdurchschnittliche Bedeutung von Anonymität betont und Verbundplakate vorgeschlagen)
  • Wie geht man mit der Heterogenität der Lerngruppe um? (Heterogenität ist selbst bei gleichem Ausgangsstand nicht vermeidbar, da jede/r in seinem/ihrem ganz eigenen Lerntempo lernt; es wurde auch vor dem gemeinsamen Anbieten von Kursen für Migranten und deutschsprachigen Lese- und Schreibschwachen gewarnt: es bestehen ganz andere Bedürfnisse)
 Mit einem leckeren Abendessen, Konzert und DJ konnte der erste Tag der Fachtagung ausklingen.

Blogentry zum zweiten Tag der Fachtagung
Blogentry zum dritten Tag der Fachtagung


Der Weltalphabetisierungstag in der (Web)Öffentlichkeit

Quelle: unesco.org
Heute ist der 8. September - der offizielle UNESCO Weltalphabetisierungstag. Die schon lange bestehenden Schwierigkeiten, mit denen Alphabetisierungsarbeit zu kämpfen hat, sollen an diesem Tag mehr als sonst in das Bewusstsein der Gesellschaft geholt werden. Wo sonst im Netz nur ab und zu mal neue Beiträge zum Thema "Alphabetisierung und Grundbildung" zu finden sind, überschlagen sich gestern und heute die Ereignisse. Damit Sie nicht den Überblick verlieren, habe ich Ihnen Berichte, Events und Sendungen zusammengestellt.

allgemeine Websites

  • offizielle Seite des UNESCO Literacy Day - Literacy and Peace
  • EU-weiter Zusammenschluss von Lernern und Betroffenen - hier auch das Manifest der Lerner mit ihren Forderungen an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft
  • ausführliche Linksammlung zum Thema "Alphabetisierung und Grundbildung" vom Deutschen Bildungsserver

Presseberichte

Was Politiker dazu sagen

Filmchen und Podcasts


Der Tag ist ja noch nicht zu Ende - sicherlich muss die Liste am Abend ergänzt werden...


Nachtrag:
Besuchen Sie die Alpha-Fundsachen für eine weitere Sammlung von Alphabeiträgen!
Die ausführliche Liste von Alphabeiträgen finden Sie hier.


Tagung "Zukunft Basisbildung: Web Literacy"

Quelle: http://www.alphabetisierung.de
Eine spannende, offene Tagung ist für den 18. Juni in Graz angekündigt. Social Media und Web Literacy steht im Vordergrund und das sind dann auch schon die einzigen Grenzen, die der Kreativität gesetzt sind. Der Call for Paper betont deutlich, dass "gegen den Strich bürsten", aus der Erfahrung in der eigenen Arbeit berichten oder Anderes herzlich willkommen ist. Dabei sind folgende Formate vorgesehen:
  • ein klassischer Vortrag, der 125 min nicht überschreiten darf
  • Animation und künstlerische Aufarbeitung (Zeitrahmen nach Absprache)
  • "one minute madness": "Kurzformate", wie Poster/Animation/Folie o.Ä.
  • Beitrag zum Marktplatz
Einsendeschluss für Beiträge ist der 31.03.2012.

Who is Who: Proson GmbH

Quelle: www.proson.de
Mal wieder stelle ich einen Teilnehmer in der Berliner Bildungslandschaft vor, heute ist die Proson GmbH an der Reihe.

Das Unternehmen ist seit 1991 in der Erwachsenenbildung tätig. Eine Besonderheit ist dabei der verstärkte Einsatz von Blended Learning, also der Kombination von Präsenzunterricht und E-Learning. Seit 2002 widmet sich Proson verstärkt dem Unterrichten der deutschen Sprache. Zielgruppe sind dabei vor allem die ausländischen Mitbürger/innen. Mit der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Arbeit und Frauen und der Agentur für Arbeit sowie ausgewählten Unternehmen hat Proson eigene Lernkonzepte und die passende Lernsoftware entwickelt. Dabei orientiert sich der  Unterricht stark an den Anforderungen des Arbeitsmarktes (Themen sind zum Beispiel: Umgang mit Behörden, Ausfüllen von Formularen, Erstellen von Bewerbungsunterlagen, Recherche im Internet, u.Ä.). Zu dieser Qualifizierung in der Sprache werden für jeden Teilnehmer persönliche Strategien für Arbeitsmarkt erstellt - ein individuelles soziales und berufliches Profiling.

Über diesen berufsbezogenen DaF Unterricht hinaus ist Proson auch in der Alphabetisierung aktiv. Natürlich sind diese beiden Themen stark miteinander verbunden: viele Migranten sind in ihrem Heimatland nicht oder nur unzureichend lange in die Schule gegangen. Proson hat daher 2010 das Interaktive Kompetenzzentrum 'Alphabetisierung und Grundbildung und Deutsch als Fremdsprache im Blended Learning' ins Leben gerufen. Ziele dieses Kompetenzzentrums sind es,
  • Blended Learning Konzepte im Bereich der Alphabetisierung zu entwickeln und zu testen
  • eine Lernplattform und Online-Übungen für Alphabetisierung sowie DaF A1, A2 zu entwickeln
  • ein interaktives Lernzentrum für Geringqualifizierte einzurichten
  • Blended Learning Module durchzuführen
Fortschritte werden auf der Projekthomepage dokumentiert. Ein kleiner Informationsfilm ist auf YouTube und hier anschaubar:



Who is Who: Kulturbewegt e.V. Berlin

Kultur bewegt... das ist im Falle des Kulturbewegt e.V. sogar wörtlich gemeint. Beim Bewegen in Berlin, also bei Spaziergängen oder Fahrrad-Erkundungen können eine Stadt und ihre Kulturen kennen gelernt und erforscht werden. Aber natürlich bedeutet es auch im übertragenen Sinne, dass die Auseinandersetzung, das Bewegen zwischen den Kulturen, geistig ergreift, fasziniert, mitreißt.

Kulturbewegt e.V. will diese Bewegungen initieren und fördern. Zentral dabei, wie schon angesprochen, die Stadtteilführungen. Migranten zeigen dabei ihren Stadtteil aus ihrer eigenen Perspektive, mit vielen verschiedenen Routen, Schwerpunkten und in verschiedenen Sprachen. Dabei werden auch Moscheen besucht, die Integrationsarbeit vorgestellt oder der Rütli-Campus gezeigt, der sich vom Symbol von gescheiterter Bildungsarbeit zur Vorzeigeschule entwickelt hat. In Neukölln werden die Stadtführungen von Frauen durchgeführt, im Wedding von Jugendlichen. Gerade Jugendliche können als Stadtführer Verantwortung übernehmen und sich Schlüsselqualifikationen aneignen und üben. Allen Beteiligten wird ihr Kiez ein Stückchen heimischer, das Nachbarschaftsgefühl wird gestärkt - und Kulturen ein bisschen näher zusammen gebracht.

Bildungsnewsletter im Februar

Quelle: Flickr (mailbox by abolvari)
Ersteinmal vorab: eine Enschuldigung, dass ich so lange nicht gepostet habe. Aus familiären Gründen musste ich kurzfristig nach Kanada, aber jetzt bin ich zurück, versprochen!

In meinem Post heute möchte ich die interessantesten Beiträge aus verschiedensten Newslettern zusammentragen, die am Monatsanfang immer in meinem Postkasten landen.

  • Das Institut für Bildungsmanagement hat auf ein neues Softwareangebot für Didaktiker hingewiesen. Die Methoden Kartothek soll das Planen von Unterricht und Seminaren erleichtern. Mit dem "Spielplan" kann man den Tag in verschiedene Phasen einteilen, und Lernphasen, Ziele und Inhalte, Sozialformen, Aktionsformen und Medien bestimmen und flexibel hin- und herschieben. Anschließend kann der Planungsbogen ausgedruckt und mitgenommen werden. Dazu gibt es Printmedien mit Checklisten und Infokarten zu Methoden, Aktionsformen, Sozialformen und Medien. Ab April 2012 kann auf der Homepage eine Demoversion heruntergeladen werden - ich werde dann die Software ausprobieren und hier im Blog vorstellen.
  • Ebenfalls interessant für Didaktiker: das Archiv und Dokumentationszentrum für Alphabetisierung und Grundbildung hat es sich zur Aufgabe gestellt, die verschiedensten Materialien zur Alphabetisierung und Grundbildung in einem Onlineangebot zur Recherche zusammenzustellen. Hier finden sich Bücher, Lesehefte, Software, Audiomedien, Qualifizierungsarbeiten, usw., die anschließend auch bestellt werden können.
  • Können und sollten Analphabeten mit Deutsch als Muttersprache und anderen Erstsprachen zusammen in eiinem Kurs unterrichtet werden? Und wie sehen Bedingungen für ein erfolgreiches gemeinsames Kursteilnehmen aus? Diesen Fragen geht eine Studie vom Verein Frauenservice Graz nach, die online erhältlich ist.
  • Weniger für Didaktiker als für Antragsteller ist das Glossar zur Berufsbildung, zur Verfügung gestellt von der Nationalen Agentur Bildung für Europa. Hier findet man alle wichtigen Fachbegriffe zur Berufsbildung in die wichtigsten europäischen Sprachen übersetzt - praktisch für Projektanträge und Forschung.


Who is Who: Lesen und Schreiben e.V. Berlin

Quelle: www.lesen-schreiben.com
Ich wohne in Berlin Neukölln und nahe an unserer riesigen Einkaufsstraße, der Karl-Marx-Allee, gibt es den Verein Lesen und Schreiben e.V. Und zwar schon seit der Gründung im Jahre 1983.
Was diesen Verein von anderen unterscheidet? Er ist vor allem auf deutsch sprechende An-Alphabeten spezialisiert, und bietet (auch im Unterschied zu vielen anderen Berliner Vereinen) ganztägige Angebote. Dabei wird ganzheitlich gearbeitet, d.h. die Vermittlung von Schriftsprache wird mit anderen praktischen Aktivitäten (in der Werkstatt handwerklich arbeiten, im vereinseigenen Cafe arbeiten oder einen Lehr-Garten in Schuss halten) und sozialpädagogischer Betreuung kombiniert. Die Kombination von geistiger und körperlicher Arbeit finde ich sehr wichtig. Denn es ist ja beileibe nicht so, dass mit der Arbeit im Schaugarten oder in der Werkstatt auch das Deutschlernen aufhört. Zum Beispiel können viele Fachbezeichnungen für Werkzeuge oder Pflanzen im Unterricht aufbereitet werden. So bleibt man bei den Interessen der Lerner und bietet alltagsrelevanten Unterricht. Und nebenbei qualifizieren sich die Lernenden auch noch für den Arbeitsmarkt weiter. Dazu kommt Bewerbungstraining und das Umgehen mit dem Computer wird auch geübt.

Der Verein ist auf das klare Ziel ausgerichtet, Lese- und Schreibschwachen den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu erleichtern. Dabei wird ein ganztägiges, ganzheitliches und umfassendes Angebot gemacht. Für Lehrende interessant: Man kann Unterrichtsmaterial bestellen oder die jährlich erscheinende Zeitschrift "Jeder hat das Recht Lesen und Schreiben zu lernen" im Unterricht einsetzen. In der Zeitschrift sind eigenen Texte der kreativen Analphabeten und Übungsideen abgedruckt; schön aufbereitet und groß gedruckt. Die Zeitschrift kann man kostenlos herunterladen - und einzelne Texte hervorragend im eigenen Unterricht einsetzen...

Arbeitsplatzorientierte Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener

Quelle: bmbf.de
Noch kurz vor Weihnachten (23.12.) hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung den neuen Förderschwerpunkt "Arbeitsplatzorientierte Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener" in einer Bekanntmachung vorgestellt. Zentral dabei ist die Zahl von 7.5 Mio funktionalen Analphabeten in Deutschland - 7.5 (potentiellen) Arbeitnehmern, deren Teilhabe an demokratischen und ökonomischen Prozessen ermöglicht, bzw. verbessert werden muss. Der Förderschwerpunkt zielt daher speziell auf die Verbesserung von beruflichen Situationen, die an den Analphabetismus gekoppelt sind. Unternehmen, aber auch Arbeitsvermittlungen, Gewerkschaften, Kammern und Verbände, sollen auf die Thematik aufmerksam gemacht werden und angeregt werden, sie für sich konstruktiv zu nutzen. Alphabetisierung soll so als elementarer Bestandteil in die Personalwirtschaft aufgenommen werden.

57% aller funktionalen Analphabeten sind erwerbstätig. Das ist eine unerwartet hohe Zahl, es ist dennoch unbestritten, dass der Analphabetismus eine Arbeitskarriere wenn nicht verhindert, dann doch blockiert. So etwa bei Weiterbildungs- oder Qualifizierungsmaßnahmen, an denen Lese- und Schreibschwache oft nicht teilnehmen . Oder auch bei technischen Umstellungen in Betrieben, die fast immer mit einer Technologisierung und damit der Notwendigkeit von höheren Lese- und Schreibkompetenzen einhergehen. Hier bleibt Potential ungenutzt.

Institutionen und Projekte, die dieses Potential erkennen und umsetzten werden vom BMBF gefördert. Sie müssen sich thematisch in einem der Punkte wiederfinden:
  • Weiterentwicklung und Erprobung von arbeitsplatzorientierten Alphabetisierungs- und Grundbildungsangeboten und Lernkonzepten sowie deren Überführung in Personal- und Kompetenzentwicklungskonzepte).
  • Weiterentwicklung und Erprobung von Konzepten zur betrieblichen Implementierung von Alphabetisierungs- und Grundbildungsangeboten.
  • In begründeten Fällen: Entwicklung, Erprobung und Implementierung von neuen innovativen Ansätzen zur arbeitsplatzorientierten Alphabetisierung und Grundbildung.
Für weitere Informationen zu Zuwendungsvoraussetzungen usw. sei auf die Homepage verwiesen. Projektskizzen sind bis zum 20.02.2012 einzureichen.


Wettbewerb: "Digitale Medien beim Sprachenlernen"

Quelle: na-bibb.de
Digitale Medien verändern unser Leben. Das mag man gut- oder schlechheißen, aber es ist ohne Zweifel eine Entwicklung, die man anerkennen muss. Und im besten Fall erkennt man sie nicht nur an, sondern man nutzt sie auch für seine Zwecke.

Reagierend auf die sich verändernden Realitäten beim Sprachenlernen hat die Initiative Bildung für Europa (Nationale Agentur beim Bundesinstitut für Berufsbildung) gerade einen Wettbewerb ausgeschrieben. Organisationen, Institutionen oder Unternehmen, aber auch Einzelpersonen können sich mit einem Projekt bewerben, in dem Digitale Medien für das Sprachenlernen genutzt werden. Gesucht sind solche Projekte, "in denen auf originelle und kreative Weise digitale Medien beim Sprachenlernen eingesetzt werden oder die bei der Qualifizierung des Bildungspersonals auf deren Verwendung vorbereiten".

Weitere Informationen sind auf der Homepage des BiBBs abrufbar; dort können auch ab Februar 2012 die Bewerbungsunterlagen heruntergeladen werden.

Alphabetisierung: Weiterbildungsangebote

Quelle: Flickr (sulamith.sallmann)
Das Lehramtstudium hat eine lange Tradition, auch das DaF/DaZ-Studium ist in der deutschen Wissenschaftslandschaft verankert - aber wie sieht es eigentlich mit den Didaktikern aus, die Alphabetisierung/Grundbildung übernehmen? Traditionell machen das die Grundschullehrer - die Methoden (Stifte halten, Buchstaben 'malen') mögen teilweise ähnlich sein, auch wenn die Zielgruppe sich selbstverständlich unterscheidet. Ich persönlich bin über die DaF/DaZ Didaktik als Teil des Integrationskurses in die Thematik 'hineingerutscht'.

Welche Angebote gibt es denn für Unterrichtende oder Neueinsteiger, sich im Alpha/Grundbildungsbereich weiterzubilden?
Als Studiengang ist Alphabetisierung vor allem an der PH Weingarten mit ihrem "Master Alphabetisierung und Grundbildung" vertreten. Die IHK (z.B. in Dresden) bietet modulare Weiterbildung an. Weitere aktive Weiterbildungszentren sind z.B. die Landesverbände der Volkshochschulen, der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. und das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung. Auch telc als Anbieter von Sprachzertifikaten führt Workshops zu Methoden der Alphabetisierung durch.

Obwohl ein deutlicher Anstieg in der Professionalität der Alphaausbildung erkennbar ist (die Einführung des Masterstudiengang war sicherlich ein Meilenstein), ist der Weiterbildungsmarkt nicht gerade mit Angeboten überschüttet. Natürlich ist die Alphaausbildung nicht immer eine Garantie für einen hervorragenden Pädagogen, aber schaden kann sie sicher nicht. Eine Professionalisierung des Themas zieht ja auch eine gesteigerte Wahrnehmung in der Öffentlichkeit nach sich, während gesteigertes Interesse wiederum einen Ausbau von Alphaforschung und -ausbildung bedeutet. Und daran können wir alle ja nur interessiert sein.

P.S: Eine Ergänzung meiner kleinen Liste kann gerne in den Kommentaren vorgenommen werden. Danke!

Who is Who: Arbeitskreis Orientierungs- und Bildungshilfe e.V.

Quelle: www.aobberlin.de
Mangelnde Schriftspachkenntnisse, so die Erfahrungen des Arbeitskreises Orientierungs- und Bildungshilfe e.V., gibt es überall. Sowohl in Akademikerfamilien und in Familien aus prekären sozialen Verhältnissen. Sowohl bei Menschen, die eine liebevolle, behütete Kindheit hatten, und solchen, die geschlagen oder anders missbraucht wurden. Sowohl bei Arbeitern und Hausfrauen, als auch Studierenden.
Genauso unterschiedlich sind die Schriftsprachkenntnisse: manche können ohne Probleme lesen, dafür aber nicht schreiben, andere haben nur selten einen Stift gehalten.

Der deutschlandweit erste Verein, der sich mit dem Thema Alphabetisierung auseinandersetzte, ist der Arbeitskreis Orientierungs- und Bildungshilfe e.V. Der Verein wurde 1977 gegründet und bietet Hilfe bei Schriftsprachproblemen, aber auch bei den psychischen Problemen, die sich durch die mangelnden oder nicht ausreichenden Kenntnisse ergeben. Schon im Leitbild des Vereins ist die enge Verschmelzung dieser beiden Aspekte klar definiert. Die Angst vor öffentlichen Lese- und Schreibsituationen kann wie eine Phobie wirken, das Kursangebot ist daher um eine Psychotherapie ergänzt. Eine weitere Besonderheit ist, dass jede/r Teilnehmer/in zwei Ansprechpartnerinnen hat: eine Kursleiterin und eine Beraterin. Damit kann verhindert werden, dass sich die Abhängigkeit auf eine Person fokussiert. Der/die Teilnehmer/in wird nicht nur von einer Person bewertet und eingeschätzt. Laut AOB veringert diese Organisation die Angst und Unsicherheit der Kursteilnemer/innen in großem Maße.

Im AOB wird also nicht 'nur' Schriftsprache vermittelt, sondern bewusst und verstärkt auch Selbstbewusstsein, Persönlichkeit und Kommunikation mit- und übereinander geübt. Dieses läuft nicht nebenbei im Unterricht ab, sondern ist integraler Teil des Lehrkonzeptes. Wie wichtig das ist, habe auch ich in meinem Alphaunterricht (den ich als Intergrationskurs gegeben habe) gemerkt. Nicht selten, zum Beispiel, machen die Lernenden im Unterricht große Fortschritte, aber können diese in späteren Prüfungssituationen nicht umsetzen. In ihrer Geschichte liegen Versagensängste, die bewältigt werden müssen, damit die Lernenden ihr volles Potential ausschöpfen können. Der ABO, mit einem großen Erfahrungsschatz, plädiert dafür.