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PIAAC und die Konsequenzen für die Grundbildung

Im letzten Monat war ich beim Sommerfest der Berliner Volkshochsschulen, auf dem Prof.Dr.Harm Kuper von der Freien Universität Berlin einen Vortrag zu den PIAAC-Ergebnissen hielt.

Jetzt ist ja zu PIAAC schon viel geschrieben und geredet worden, trotzdem hat mir der Vortrag einige Punkte noch einmal verdeutlicht. Diese Punkte will ich hier einmal - ganz persönlich ausgewählt und ohne Anspruch auf Vollständigkeit - sammeln.

1) die Konsequenzen von PIAAC im Vergleich mit PISA
Die Studie PISA wurde ganz klar im System "Schule" durchgeführt: Schüler wurden befragt, Schulfächer wurden getestet, mit den Schulcurricula stehen gemeinsame Standards fest. Deswegen erlaubte PISA einen Rückschluss auf die 'Systemleistung' des Systems Schule. Für Probleme (die schlechten Ergebnisse der deutschen Schüler) konnte die Schule und die Schulpolitik direkt verantwortlich gemacht werden. Der politische Druck war daher bei PISA sehr hoch, da die Verbindungen und Verantwortlichkeiten klar erscheinen.

Beim Testen der Erwachsenen in der PIAAC-Studie sind die Verantwortlichkeiten und Einflussfaktoren längst nicht so klar. Das System, das zu dem Ergebnis geführt hat, kann nicht eindeutig gefunden werden, d.h. es gibt auch niemanden, der für die Ergebnisse verantwortlich gemacht werden kann. Es betrifft eher eine so vage Kategorie, wie z.B. 'Zivilgesellschaft'.
Das heißt wiederum, dass der politische Druck auf die politischen Verantwortlichkeiten im Zuge der PIAAC-Studie auch weniger stark ausfallen werden, als es bei PISA der Fall war.


2) Zusammenhang zwischen Grundkompetenzen und der Beteiligung an non-formaler Bildung (z.B. Kursbesuchen)
Prof. Kuper hat untersucht, wie verschiedene Faktoren und die Bereitschaft, Weiterbildung (im weitesten Sinne) in Anspruch zu nehmen, zusammenhängen. Seine Ergebnisse bestätigen Vermutungen:
  • hohe Grundkompetenzen führen zu hoher Weiterbildungsbeteiligung
  • ein hoher Berufs- oder Hochschulabschluss führt zu hoher Weiterbildungsbeteiligung
  • ein hoher Leseaufwand bei der Arbeit führt zu hoher Weiterbildungsbeteiligung
  • eine bessere Lesekompetenz führt zu hoher Weiterbildungsbeteiligung
Prof. Kuper endete mit folgendem Fazit:
  • Es gibt einen großen Förderbedarf bei den Grundkompetenzen Erwachsener. Er fordert: Grundbildung stärken!
  • Es lohnt sich, in die hohe Bildung von Kindern zu investieren, denn das führt automatisch zu hoher Weiterbildungsbeteiligung im Erwachsenenalter.
    Er fordert: Bildungsverläufe sichern!

Europäische Workshops für Lehrende in der Alphabetisierung und Grundbildung (Grundtvig)

Der Buchstabe A in Groß- und Kleinschreibung
Quelle: http://www.na-bibb.de
Europa hatte Projektgelder ausgeschrieben, die nur für die Alphabetisierung und Grundbildung gedacht waren. Im Zeitraum zwischen dem September 2013 und August 2014 wurden und werden die so finanzierten Workshops durchgeführt. Höchste Zeit also, einmal zu schauen, was da so gemacht wurde! Dabei konzentriere ich mich auf die deutschen Workshops, obwohl natürlich auch viele andere europäische Länder beteiligt waren. Einen Katalog, der alle Workshops aufzählt und beschreibt, findet man hier.

Methoden

 

Viele der Workshops hatten das Ziel, eine neue oder andere Form des Lernens zu untersuchen. Dabei gibt es Lernen durch Spiele, durch digitale Medien, durch Bilder und durch Comics. Lernen mit allen Sinnen, mit Körpersprache, mit Musik und Bewegung. Andere Workshops untersuchen die Möglichkeiten des kreativen Schreibens und des (biografischen) Geschichtenerzählens im Alphabetisierungsunterricht. Es gibt auch Workshops, die ein Thema (Zeit, Wasser, Reisen) als Ausgangspunkt für Alphabetisierungsunterricht suchen.
Spannend klingt der Workshop zum Geschichtenerzählen: "Storytelling als motivierende Methode beim Erlernen der Schriftsprache" vom Landesverband der Volkshochschulen Sachsen-Anhalt. Die Methode wird dort in verschiedenen Formen ausprobiert und diskutiert. Dabei sind - das ist ja auch immer ein Qualitätsmerkmal von solchen Veranstaltungen - Lernende beteiligt, die mitmachen und ihre Sichtweise erklären.

Grundbildungsthemen

 

Bei den Workshops geht es vor allem um den Schriftspracherwerb. Aber darüber hinaus werden auch andere Grundbildungsthemen angesprochen. In diesen Workshops geht es um Beteiligung - also wie Grundbildungskompetenzen im Unterricht geübt werden können, so dass sie auch im Alltag der Lernenden sicher benutzt werden können.  Andere Workshops haben Themen wie Gesundheit oder Medienkompetenz.

Über den Unterricht hinaus

 

Gute Alphabetisierungs- und Grundbildungskurse reichen nicht. Sie müssen auch in andere Einrichtungen,  Netzwerke und Foren eingebunden sein, sie müssen im Austausch stehen. Auch dazu gibt es einige Gruntvig-Workshops: zu Kooperationen oder zu "Brückenmenschen" (wie Multiplikatoren, Mentoren, Bildungsagenten) in der Alphabetisierung.



Der Aktionstag "Lesen und Schreiben - mein Schlüssel zur Welt" in Bildern

Da die Zeit heute zum Schreiben zu knapp ist, gibt's nur Bilder von der Regionalveranstaltung in Berlin, dem Aktionstag "Lesen und Schreiben - mein Schlüssel zur Welt"...

Die Themeninseln




Unsere Themeninsel

Akteure in der Diskussion


Der erste Alpha-Aufkleber in Neukölln!

In Berlin-Neukölln klebt seit Mittwoch der erste Alpha-Aufkleber - ein Gütesiegel für das Engagement gegen funktionalen An-Alphabetismus. Aufkleber? Gütesiegel? Wer Genaueres wissen will, dem sei hier mein Text zur feierlichen und medienwirksamen Verleihung des ersten Alpha-Aufklebers ans Herz gelegt:



Anfangen möchte ich mit einer entscheidenden Besonderheit von funktionalem An-Alphabetismus: die UNSICHTBARKEIT der Betroffenen. Die Öffentlichkeit weiß nämlich noch viel zu wenig, dass es Menschen mit Lese- und Schreibproblemen gibt; dass es z.B. kein Migrationsproblem ist und dass es nicht nur eine Randgruppe betrifft. Und Betroffenen sieht man es natürlich auch nicht an, und sie verstecken sich häufig und leben in großer Angst und großem Stress. Zum Teil wissen sie gar nicht, dass sie nicht die Einzigen sind, und dass es Hilfe gibtSie stecken dann ihre Energie in das Verstecken, nicht in das Lernen – und das ist für niemanden gut: nicht für die Betroffenen selbst und nicht für unsere Gesellschaft allgemein.

Gegen diese Unsichtbarkeit steht der ALPHA-AUFKLEBER als ein Zeichen. Und ich möchte Ihnen jetzt schnell beschreiben, wieso und wie er das tut. Dafür sind 4 Stichwörter wichtig: Aufmerksamkeit, Auftrag, Aufbauen und Aufteilen.

Anfangen möchte ich mit AUFMERKSAMKEIT. Geschulte und kompetente Einrichtungen bekommen den Aufkleber und können ihn an ihrer Eingangstür anbringen. Unser Aufkleber erzeugt so Aufmerksamkeit im Neuköllner Stadtbild.
  • Einrichtungen können mit ihrer Kompetenz werben und nach außen zeigen, dass sie sich für das Thema stark machen.
  • Betroffene sehen den Aufkleber und haben weniger Angst und Stress, die Einrichtung zu betreten und das Angebot in Anspruch zu nehmen.
  • Die Öffentlichkeit sieht den Aufkleber und fragt sich vielleicht, wofür er steht, kommt mit anderen darüber ins Gespräch,...
Wir brauchen viele kleine Anlässe für Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit. Der Aufkleber sorgt dafür.

Um den Aufkleber an die Einrichtung zu verleihen, müssen wir aber sicher sein können, dass dort wirklich kompetent mit der Zielgruppe umgegangen wird. Dass der Aufkleber als Gütesiegel auch hält, was er verspricht. Das habe ich unter dem Stichwort AUFTRAG zusammengefasst. Die Einrichtungen bekommen den Auftrag, bestimmte Kriterien, bestimmte Anforderungen zu erfüllen, bevor sie den Aufkleber bekommen.
  • sie nehmen an einer 6-stündigen Schulung zum Thema teil
  • an der Schulung nehmen mindestens 2 Mitarbeiter teil – das ist wichtig, denn wenn ein Mitarbeiter aus welchem Grund auch immer die Einrichtung verlässt, dann kann Kompetenz und die Verantwortung nicht verloren gehen
  • Die Mitarbeiter übernehmen Verantwortung, eine Botschafterrolle; die auch durch die Leitung unterstützt wird
  • Und dann ist es auch notwendig, einen AKTIONSPLAN zu erstellen. Das bedeutet, dass in der Schulung alle Arbeitsschritte in der Einrichtung auf Hürden für Menschen mit Lese- und Schreibproblemen abgeklopft werden. Wir erarbeiten dann in der Schulung und mit den Betroffenen zusammen Verbesserungen, die dann von der Einrichtung auch umgesetzt werden müssen.

Wir bauen hier heute das deutschlandweit erste Gütesiegel zum Engagement gegen funktionalen An-Alphabetismus auf. Damit kommen wir zum Stichwort AUFBAUEN. Uns hat dabei sehr gefreut, dass die Aktion von Anfang an auf großes Interesse gestoßen ist. Es haben bereits 22 Einrichtungen fest zu einer Schulung zugesagt, oder schon teilgenommen haben:
Und im Laufe dieses Jahres werden noch andere Einrichtungen dazu kommen. Wir freuen uns darauf, diese vielen Aufkleber in Neukölln zu sehen.

Aber es geht nicht nur um Aufbauen, es geht auch um Ausbauen. Wie Sie gemerkt haben, schulen wir in diesem Jahr die sozialen Vereine, und das ist eine ganz wichtige erste Basis. Aber wir müssen unbedingt in die Bereiche Gesundheit, Kita und Schule, in die kommunalen Behörden oder auch in die Betriebe und Unternehmen.
Darüber hinaus möchten wir dieses Neuköllner Modellprojekt gerne berlinweit ausbauen.
Stellen Sie sich einmal vor, dass Betroffene in ganz  Berlin einen Arzt mit Alpha-Aufkleber aussuchen können, weil sie wissen, dass sie dort angemessen behandelt werden und keine Angst vor dem Patientenbogen schon in der Anmeldung haben müssen. Dass sie vielleicht auch in ihrem Bürgerbüro oder ihrer Kita vorsichtig darauf angesprochen werden, dass sie eventuell Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben haben und dann gleich an ein passendes Angebot weitergeleitet werden können. So kann Sichtbarkeit entstehen. So können Folgekosten eingespart werden und für jeden ein passendes Weiterbildungsangebot gefunden werden. So kann für eine große Bevölkerungsgruppe erstmals Teilhabe an der Gesellschaft entstehen.

Und schließlich und ganz wichtig: in unserer Arbeit wurden wir unterstützt – jetzt kommt das Stichwort AUFTEILEN ins Spiel. Einmal von unseren Bündnispartnern, die unser Angebot verbreitet haben und die z.B. mit uns in den AGs die Kriterien diskutiert haben. Ganz besonders wichtig war aber auch die Hilfe von den Lernern und Lernerinnen von Lesen und Schreiben e.V. Sie sind unsere Experten, weil sich natürlich niemand besser mit dem Thema auskennt als die, die selber beteiligt sind. Sie haben bei den Kriterien mitgearbeitet und Ihre Meinung gesagt, was ihnen als Bedingungen für den Alpha-Aufkleber wichtig ist. Sie sind bei den Schulungen dabei und berichten von Ihren Erfahrungen und können Fragen beantworten und Hinweise geben. Sie haben Zitate für Pressemitteilungen geliefert. Und, das ist ganz, ganz wichtig: sie haben den Aufkleber mit uns zusammen gestaltet.

Mit diesem Projekt setzen wir Forderungen von Lernenden, Empfehlungen von Forschern, Erfahrungen von Praktikern und letzendlich Teile der Nationalen Strategie für Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener, hier ganz lokal und ganz konkret um.

Mit dem Aufkleber wird Aufmerksamkeit erzeugt, und gleichzeitig Erleichterung für Betroffene und eine bessere Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit geboten.
Mit dem Aufkleber wird der AUFTRAG an die Einrichtungen gegeben, ihr Angebot auch für Menschen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten erreichbar zu machen und sie werden in die Situation versetzt, Betroffene zu erkennen, anzusprechen und in einen Kurs weiterzuleiten.
Mit dem Aufkleber ist ein erster Schritt getan – der als Modellprojekt AUFBAU- und ausbaufähig wäre.
Mit dem Aufkleber wird Teilhabe und die erfolgreiche Zusammenarbeit eines Netzwerks symbolisiert, in dem sich alle zusammen die Arbeit AUFTEILEN und gemeinsam an der Aktion arbeiten.


PS: Der Aufkleber ist vom Alpha-Bündnis Neukölln initiiert und vom Projektträger Lesen und Schreiben e.V. Berlin getragen.

Foto: Urda

Bundestagswahl 2013: Wahlprüfsteine

Die Bundestagswahl rückt immer näher. Wissen Sie schon, für wen Sie sich entscheiden werden?
Interessant an dieser Bundestagswahl ist, dass sie die erste Wahl nach der entscheidenden Zäsur 2011 ist - also der leo-Studie, die die Größenordnung von funktionalem An-Alphabetismus deutlich machte.
Der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung hat in diesem Jahr wie schon 2009 sogenannte Wahlprüfsteine veröffentlicht, an denen sich alle großen Parteien beteiligt haben.
Worum genau geht es bei dieser Aktion?

Quelle: alphabetisierung.de
In einer ersten Übersicht werden die Aussagen der CDU/CSU, SPD, FDP, der Linken, der Grünen und der Piraten zu Alphabetisierungs- und Grundbildungsthemen zusammengestellt. Dass alle Parteien betonen, dass die Förderung von Alphabetisierung und Grundbildung wichtig und notwendig ist, verwundert nicht, und auch sind kontroverse Aussagen erst einmal nicht zu vermuten. Hier trotzdem ein paar grundsätzliche Eindrücke:
  •  viele sinnvolle Punkte werden angesprochen, darunter: "psychosoziale und sozialpädagogische Begleitung" (SPD), "auf Nachhaltigkeit angelegte Finanzierungsmodelle" (Linke), "öffentlichkeitswirksame Kampagnen" (FDP), "Stärkung betrieblicher Grundbildung als auch die Etablierung von familienorientierten Angeboten" (SPD)
  • die Rolle von Lerner-Experten hat Bedeutung auf vielen Ebenen: Sensibilisierung in Bertrieben (CDU), Öffentlichkeitsarbeit (SPD), Arbeit in bundesweiten Netzwerken und wichtigen Initialiven (Linke), Ansprechpartner in allen Phasen (Grüne) und Motivations-Multiplikatoren (Piraten)
  • Schlagworte, wie "Alpha-Stiftung" (FDP) und "Alpha-Offensive" (SPD), fallen, werden aber nicht näher erklärt und ein erstes Googlen ergibt auch keine weiteren Infos oder Hintergründe
  • Einig sind sich SPD, Linke, Grüne und Piraten, dass das Kooperationsverbot im Bildungsbereich abgeschafft werden muss. Dieses Verbot verhindert die Zusammenarbeit von Bund und Ländern bei der Bildung und überlässt den Ländern die Entscheidungshoheit. Problematisch ist das für die dauerhafte Finanzierung von Initiativen und Projekten besonders dann, wenn das Land arm ist und nicht viel Geld investieren kann.
  • Alle Parteien bieten ihr Wahlprogramm in leichter Sprache an.
Damit kommen wir auch zur zweiten Übersicht im Rahmen der Wahlprüfsteine, die der Bundesverband zur Verfügung stellt. Allen Parteien werden acht wichtige Fragen gestellt und um die Beantwortung in leichter Sprache gebeten. Diese Antworten findet man hier übersichtlich zusammengestellt. Gutes Material für den Unterricht oder einen Orientierungskurs - allerdings könnte die verwendete sogenannte leichte Sprache gerne noch etwas leichter formuliert werden! Trotzdem: eine gute Ausgangsbasis für eine Unterrichtseinheit.

Es wäre sehr zu wünschen, dass die Parteien ihre Versprechen auch nach der Wahl einhalten - aber um das zu überprüfen, können die Wahlprüfsteine im nächsten Jahr noch einmal herangezogen werden.


Der Weltalphabetisierungstag in der (Web)Öffentlichkeit

Quelle: unesco.org
Heute ist der 8. September - der offizielle UNESCO Weltalphabetisierungstag. Die schon lange bestehenden Schwierigkeiten, mit denen Alphabetisierungsarbeit zu kämpfen hat, sollen an diesem Tag mehr als sonst in das Bewusstsein der Gesellschaft geholt werden. Wo sonst im Netz nur ab und zu mal neue Beiträge zum Thema "Alphabetisierung und Grundbildung" zu finden sind, überschlagen sich gestern und heute die Ereignisse. Damit Sie nicht den Überblick verlieren, habe ich Ihnen Berichte, Events und Sendungen zusammengestellt.

allgemeine Websites

  • offizielle Seite des UNESCO Literacy Day - Literacy and Peace
  • EU-weiter Zusammenschluss von Lernern und Betroffenen - hier auch das Manifest der Lerner mit ihren Forderungen an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft
  • ausführliche Linksammlung zum Thema "Alphabetisierung und Grundbildung" vom Deutschen Bildungsserver

Presseberichte

Was Politiker dazu sagen

Filmchen und Podcasts


Der Tag ist ja noch nicht zu Ende - sicherlich muss die Liste am Abend ergänzt werden...


Nachtrag:
Besuchen Sie die Alpha-Fundsachen für eine weitere Sammlung von Alphabeiträgen!
Die ausführliche Liste von Alphabeiträgen finden Sie hier.


Alpha-Bündnisse - Wozu eigentlich?

Das Trierer ist groß und sehr aktiv. Das Neuköllner ist das Erste und bislang Einzige in Berlin. Und jetzt ist ein Landesweites für ganz Thüringen entstanden. Alpha-Bündnisse gibt es bundesweit, und sie werden als Maßnahmen für die Belange von Lese- und Schreibschwachen immer weiter eingesetzt. Und das ist auch gut so.
Aber warum eigentlich?

Szenario 1: Ein Lese- und Schreibschwacher geht zur Krankenkasse / zum Jobcenter / zur Schuldnerberatung o.Ä. Beim Ausfüllen der Formulare täuscht er vor, seine Brille vergessen zu haben. Widerwillig füllt die Beraterin die Unterlagen selbst aus. Unser Lese- und Schreibschwacher geht mit einem unguten Gefühl nach Hause.

Szenario 2: Eine Lese- und Schreibschwache geht zur Krankenkasse / zum Jobcenter / zur Schuldnerberatung o.Ä. Beim Ausfüllen der Formulare berichtet sie von ihrer Schwäche. Der Berater reagiert mit Unverständnis. Unsere Lese- und Schreibschwache geht mit einem unguten Gefühl nach Hause.

Szenario 3:  Ein Lese- und Schreibschwacher geht zur Krankenkasse / zum Jobcenter / zur Schuldnerberatung o.Ä. Beim Ausfüllen der Formulare berichtet er von seiner Schwäche. Der Berater reagiert mit Verständnis, hilft beim Ausfüllen. Unser Lese- und Schreibschwacher geht nach Hause.

Szenario 4: Eine Lese- und Schreibschwache geht zur Krankenkasse / zum Jobcenter / zur Schuldnerberatung o.Ä. Beim Ausfüllen der Formulare täuscht sie vor, ihre Brille vergessen zu haben. Der Berater registriert, dass dies nun schon zum wiederholten Male passiert und spricht seine Kundin angemessen darauf an. Er hört heraus, dass sie an ihrer Situation gerne etwas verändern möchte und kann sie zu einer passenden Bildungseinrichtung weitervermitteln. Um die Angst vor dem ersten Besuch zu nehmen, kann der Berater den Weg dahin, das Zimmer und den Namen der Ansprechperson genau beschreiben. Unsere Lese- und Schreibschwache geht nicht nach Hause, sondern macht sich auf den Weg in ein neues Leben.

Was den Unterschied zwischen Szenario 1,2,3 und Szenario 4 ausmacht? Genau zwei Dinge:
  • geschulte Mitarbeiter in Organisationen, die mit funktionalen Analphabeten häufig in Berührung kommen (wie z.B. Beratungsorganisationen, Gesundheitsorganisationen, etc.)
  • ein aktives Netzwerk von solchen beteiligten Organisationen, das sich regelmäßig trifft und austauscht
Um genau diese zwei Voraussetzungen für ein effektives Erkennen von Lese- und Schreibschwachen und eine schnelle und unkomplizierte Hilfe zu ermöglichen, werden Alpha-Bündnisse gegründet. Sie sind die Netzwerke, die gezielt persönliche Kontakte zwischen beteiligten Organisationen entstehen lassen und dafür sorgen, dass diese Kontakte auch gehalten werden können.

Zugegeben, ich habe die Szenarien zugespitzt formuliert, aber im Idealfall können persönliche Kontakte zwischen engagierten Mitarbeitern tatsächlich Leben verändern. In Diskussionen mit Beteiligten und Fachleuten wird diese Art der Investition immer wieder als effektivste Maßnahme zur Verringerung von Lese- und Schreibschwäche benannt (siehe auch meinen letzten Blogentry zur LISUM-Tagung).



Mehr Alphabetisierung im Bundestag...

Weiter geht's im Bundestag in Sachen Alphabetisierung. Am 1. März fand ein Plenargespräch zum Thema statt. Die Grünen stellen berechtigte und altbekannte Forderungen, darunter:
  • Verbesserung der Zusammenarbeit, v.a. auch mit der Agentur für Arbeit
  • frühes Erkennen und Bekämpfen von Lese- und Schreibschwächen
  • konkretere Ausgestaltung des Nationalen Pakt für Alphabetisierung und Grundbildung
  • eine Medienkampagne zur breiten Aufklärung starten
  • Ausbau der Alphabetisierungskurse, Ausbau der Ausbildung von Kursleitern
Darüber hinaus stellte auch die Linke Forderungen - z.T. konkreter als von den Grünen:
  • Erarbeitung eines Zehn-Jahres-Programms, das die Zahl der Analphabeten halbieren soll
  • dafür sollen min.3,6 Milliarden EUR bereitgestellt werden
  • Erarbeitung von Finanzierungsmodellen für den Ausbau des Kursangebots
  • Einbindung der Themen Analphabetismus und Grundbildung in die Lehrerausbildung um die Sensibilisierung und Diagnose solcher Schwächen sicherzustellen
Die genauen Forderungen können auf der Website des Bundestags nachgelesen werden.

Im Bundestag wird über Alphabetisierung geredet...

Alphabetisierung wird politisch immer noch zu wenig ernst genommen. Deswegen ist es erfreulich zu sehen, dass sich der Bundestags-Ausschuss zu einem Fachgespräch zum Thema mit führenden Experten getroffen hat.

Die Weltalphabetisierungsdekade 2003-2012  hatte ursprünglich das Ziel vorgegeben, die Zahl der Analphabeten zu halbieren. Dies ist nicht geschehen, und Handlungsbedarf besteht noch immer. Bund und Länder hatten sich daher Ende letzten Jahres auf eine nationale Strategie für Alphabetisierung und Grundbildung geeinigt. Diese nationale Strategie war ein Kernthema des Gespräches. Matthias Anbuhl vom Deutschen Gewerkschaftsbund Bundesvorstand zum Beispiel, sieht die Strategie als ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, wandte aber ein, dass vor allem die Länder größere Initiative zeigen müssen. Ziel der Strategie sollte, laut Ulrich Aengenvoort vom Deutschen Volkshochschul-Verband in erster Linie sein, die volle berufliche, gesellschaftliche und ökonomische Teilhabe zu garantieren, und nicht nur ein Mindestmaß von Lese- und Schreibkenntnissen zu gewährleisten. Interessant: die Volkshochschulen unterrichten rund 20000 Menschen - eine große Diskrepanz zu einer geschätzten Zahl von 20 Millionen Menschen mit Grundbildungsproblemen.
Notwendig dafür sind neue Kursleiter, ein gemeinsames Curriculum und eine größere Menge von Alphabetisierungseinrichtungen. Peter Hubertus, Geschäftsführer des Bundesverbands Alphabetisierung und Grundbildung, verlangt von den Ländern, bundesweit 100000 Kursplätze einzurichten. Ein Vorbild für die Maßnahmen könnte die britische "Skills for Life" Strategie sei, so Matthias Anbuhl, die mit massiver Institution eine ebenso massive Verbesserung der Lage erreichen konnte (viele Länder führen schon eine längere Zeit eine nationale Strategie durch). Notwendig ist, viele der Sprecher sind sich dabei einig, eine Medienkampagne, die auf das Problem des Analphabetismus aufmerksam macht und zum Besuch der Kurse und Angebote anregt.
Noch eine Anmerkung: ich fand es erstaunlich, dass beim Einstufungstest des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge nur die Level A1 bis B1 abgetestet werden, der Bereich unter A1, also der Bereich des Analpabetismus, dagegen nicht. Das zeigt erneut, dass das Problem über eine lange Zeit völlig ignoriert wurde.
Das trifft ganz verstärkt auch auf die Wirtschaft zu. Erst im letzten Jahr hat der Deutscher Industrie- und Handelskammertag, so Günter Lambertz, auf das Analphabetismus unter den Erwerbstätigen aufmerksam gemacht. Dies traf auf Unverständnis bei den Unternehmen: "So etwas gibt es bei uns nicht!" Die Zahlen der leo - level-one Studie, sagen etwas Anderes...

Das also nur ein paar Punkte, die ich persönlich bemerkenswert fand.
Eine nationale Strategie ist also gefordert. Ich bin gespannt...

Man kann sich eine Aufzeichnung des gesamten Gespräches online anschauen.

Arbeitsplatzorientierte Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener

Quelle: bmbf.de
Noch kurz vor Weihnachten (23.12.) hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung den neuen Förderschwerpunkt "Arbeitsplatzorientierte Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener" in einer Bekanntmachung vorgestellt. Zentral dabei ist die Zahl von 7.5 Mio funktionalen Analphabeten in Deutschland - 7.5 (potentiellen) Arbeitnehmern, deren Teilhabe an demokratischen und ökonomischen Prozessen ermöglicht, bzw. verbessert werden muss. Der Förderschwerpunkt zielt daher speziell auf die Verbesserung von beruflichen Situationen, die an den Analphabetismus gekoppelt sind. Unternehmen, aber auch Arbeitsvermittlungen, Gewerkschaften, Kammern und Verbände, sollen auf die Thematik aufmerksam gemacht werden und angeregt werden, sie für sich konstruktiv zu nutzen. Alphabetisierung soll so als elementarer Bestandteil in die Personalwirtschaft aufgenommen werden.

57% aller funktionalen Analphabeten sind erwerbstätig. Das ist eine unerwartet hohe Zahl, es ist dennoch unbestritten, dass der Analphabetismus eine Arbeitskarriere wenn nicht verhindert, dann doch blockiert. So etwa bei Weiterbildungs- oder Qualifizierungsmaßnahmen, an denen Lese- und Schreibschwache oft nicht teilnehmen . Oder auch bei technischen Umstellungen in Betrieben, die fast immer mit einer Technologisierung und damit der Notwendigkeit von höheren Lese- und Schreibkompetenzen einhergehen. Hier bleibt Potential ungenutzt.

Institutionen und Projekte, die dieses Potential erkennen und umsetzten werden vom BMBF gefördert. Sie müssen sich thematisch in einem der Punkte wiederfinden:
  • Weiterentwicklung und Erprobung von arbeitsplatzorientierten Alphabetisierungs- und Grundbildungsangeboten und Lernkonzepten sowie deren Überführung in Personal- und Kompetenzentwicklungskonzepte).
  • Weiterentwicklung und Erprobung von Konzepten zur betrieblichen Implementierung von Alphabetisierungs- und Grundbildungsangeboten.
  • In begründeten Fällen: Entwicklung, Erprobung und Implementierung von neuen innovativen Ansätzen zur arbeitsplatzorientierten Alphabetisierung und Grundbildung.
Für weitere Informationen zu Zuwendungsvoraussetzungen usw. sei auf die Homepage verwiesen. Projektskizzen sind bis zum 20.02.2012 einzureichen.