Posts mit dem Label Integration werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Integration werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Leichte Sprache für Einsteiger


Leichte Sprache ist auf dem Vormarsch. In anderen Ländern zwar noch mehr als hier (Wikipedia gibt es schon in Simple English) - aber auch in Deutschland taucht Leichte Sprache immer häufiger auf.

Zum Beispiel auf der Internetseite der Bundesregierung (auch mit anderen Tipps, wie z.B. zum Stromsparen) oder des Bundestags. Es gibt auch ein online-Wörterbuch für Leichte Sprache. Auch Online-Nachrichten kann man abrufen, und einen Verlag für Leichte Sprache hatte ich bereits in diesem Blog vorgestellt.

Es gibt "Übersetzungsregeln" in der leichten Sprache. In der Publikation "Leichte Sprache. Ein Ratgeber." (Bundesministerium für Arbeit und Soziales) werden die wunderbar vorgestellt. Die Publikation kann hier kostenfrei bestellt werden.

Einige der Regeln möchte ich kurz zusammenfassen:

  • -Wenig Fach- oder Fremdwörter
  • -es sollten immer die gleichen Wörter für die gleichen Dinge verwendet werden
  • -Einfacher Satzbau, kurze Sätze
  • -Lange Wörter mit Bindestrich (Rat-Geber)
  • -Verben im Aktiv
  • -Kein Konjunktiv, Genitiv
  • -Große Schrift, großer Zeilenabstand
  • einfache Sansserifen-Schrift (Arial, Tahoma, Verdana)
  • -Anschaulichkeit durch viele Bilder (aber nicht als Hintergrund) 
Wer würde sich nicht über leichte Sprache freuen? Ich würde mir wünschen, ihr im Alltag noch viel öfter zu begegnen. Gerade bei Formularen oder Gesetzestexten würde ich immer die Version in leichter Sprache wählen. Das Übersetzen in Leichte Sprache ist jedoch ein Handwerk, und man sollte sich als Organisation immer an ein professionelles Übersetzungsbüro wenden.

Lerner sind die Experten! TEIL 1

Lerner nehmen die Auszeichnung als Botschafter für Alphabetisierung entgegen
Vor jetzt etwas mehr als 1 1/2 Jahren habe ich angefangen, mich mit dem Thema Alphabetisierung und Grundbildung stärker zu beschäftigen. Dabei ist mir etwas aufgefallen, was mir auf den ersten Blick wie ein Widerspruch vorkam: Auf der einen Seite ist das Thema in der Öffentlichkeit noch viel zu wenig bekannt, und die Betroffenen verstecken sich unter großer persönlicher Belastung. Auf der anderen Seite gibt es eine große Gegenbewegung von Lernern, die ihre Lese- und Schreibschwierigkeiten öffentlich machen. Sie gehen zu Interviews und zu Tagungen, organisieren Informationsveranstaltungen, besuchen sich deutschland- und sogar europaweit und tauschen sich aus und organisieren sich.
(Inzwischen ist das für mich gar kein Widerspruch mehr, im Gegenteil, aber darum soll es bei dem Artikel heute nicht gehen.)

Mich hat es also beeindruckt, wie der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung oder die VHS in Oldenburg, der Verein Lesen und Schreiben e.V. und viele andere, Lernende gezielt in ihre Arbeit einbeziehen. Für mich machte das am Anfang ganz aus meinem eigenen sozialen Verständnis heraus Sinn: Ich fand es richtig, dass diejenigen, über die geredet wird, auch mitreden können. Das heißt: Wenn auf einer Tagung ein Expertenaustausch zu z.B. Angeboten für funktionale An-Alphabeten stattfindet, dann müssen die Betroffenen auch die Möglichkeit haben - als die Zielgruppe, als Experten - etwas beitragen zu können. Das fand und finde ich richtig, gerecht, wertschätzend, notwendig. Und noch dazu bietet es den Lernenden eine Gelegenheit, z.B. Motivation zu schöpfen oder ihr Leben als funktionale An-Alphabeten auf einer Metaebene zu reflektieren (Entschuldigung für die Fremdwörter, aber hier trifft's einfach am besten...) - alles ganz wichtige Kompetenzen und eine Bereicherung fürs Leben.

Nachdem ich in diesem Jahr in meiner eigenen Arbeit an der Aktion Alpha-Kompetenz eng mit Lernern zusammengearbeitet habe, hat sich die frühere Sichtweise für mich noch einmal ganz entscheidend erweitert: Während ich früher vor allem die soziale Notwendigkeit und die Vorteile für die Lerner gesehen habe, sehe ich jetzt auch ganz deutlich die - sagen wir mal: wirtschaftliche Notwendigkeit und die Vorteile für die Projektleitung, die Chefs, die Vortragenden - und schließlich, klar, die Gesellschaft an sich.
Warum?

(1.) Nur, indem man die Betroffenen nach Ihrer Meinung fragt, kann man sicherstellen, dass Maßnahmen, Öffentlichkeitsarbeit, und eigentlich alles was man (unter meist hohen Investitionen) für die Zielgruppe entwickelt, von der Zielgruppe überhaupt angenommen wird. Bei einer Produktentwicklung werden auch Kundenbefragungen und Marktanalysen und wasweißich gemacht, um sicherzustellen, dass das Produkt auch genau auf die Bedürfnisse der Kunden passt. So muss man doch auch vorgehen, wenn es darum geht, Kurse, Flyer, oder andere Produkte der Öffentlichkeitsarbeit wirkungsvoll an die Zielgruppe zu bringen. Was nützt - um auf meine eigenen Erfahrungen zurückzukommen - ein Alpha-Aufkleber an den Türen von alpha-kompetenten Einrichtungen, wenn er von Betroffenen nicht verstanden oder angenommen wird? Der Aufkleber muss also von den Lerner-Experten mitentwickelt werden.
Investitionen in Öffentlichkeitsarbeit sind notwendig - und dann sollte man auch durch die Zusammenarbeit mit Lernern den maximalen Nutzen erreichen.

(2.) Lerner können ganz echt und authentisch von dem Leben mit Lese- und Schreibschwierigkeiten erzählen. Alle anderen können das nicht. Das ist einfach so. So richtig verstanden habe ich das erst seit ich selbst im Team mit zwei Lernern Multiplikatorenschulungen gebe. Da kann ich viel über mögliche Ursachen von Lese- und Schreibschwäche referieren - sobald Lerner aus ihrem eigenen Leben berichten, hören die Teilnehmer und Teilnehmerinnen ganz anders zu. Ich habe den Eindruck, dass sie dann mehr verstehen und es weniger schnell vergessen. Und es steigert die Qualität der Schulung erheblich. In jedem Evaluationsbogen, den ich bisher erhalten habe, wurde die Beteiligung der Lerner als wichtig hervorgehoben.

Lerner sind die Experten und die besten Fürsprecher für ihre Sache. Wir müssen sie einbeziehen und es sollte allen bewusst sein, dass nicht nur die Lerner selbst davon profitieren können. Dafür gibt es soziale Gründe und wirtschaftliche Gründe, und schließlich macht es auch einfach mehr Spaß miteinander zu lernen. Mir zumindest ist es so wichtig, dass ich meinen Blog danach benannt habe.

mehr Informationen:

"Lernende als Experten ernst nehmen"
Landkarte: Lerner-Experten in der Alphabetisierung und Grundbildung
Alfa-Forum 80(2012): Mit den Lernenden zum Erfolg!
ABC Selbsthilfegruppe Oldenburg 
"Lerner diskutieren Perspektiven"



Authentische Texte im Alpha-Unterricht

In meinem Alpha-Integrationskurs (6.Modul) setzen wir das Lehrwerk "Erste Schritte - Vorkurs" ein und haben im 6. Kapitel gerade die Strukturen "ich mache gern" geübt. "Ich fahre gern Fahrrad." oder "Ich koche nicht gerne." usw. Dazu ist mir dann in der letzten Woche ein wunderbarer Text in die Hände gefallen, in dem gerade diese Struktur häufig vorkommt und der eine gute, authentische Ergänzung zu unserem Lehrwerkalltag darstellt.

In dem Buch "Ich bin keine Schreibmaschine" werden Texte von deutsch sprechenden funktionalen An-Analphabeten zusammen mit Fotografien der Betroffenen abgedruckt. Sie wurden vom AOB herausgegeben. Ich habe meinen Kursteilnehmern also erzählt, dass es auch viele deutsche Muttersprachler gibt, die Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben haben (eine Info, die man ja sowieso und immerzu in der Öffentlichkeit verbreiten sollte, da sie so wenig im Bewusstsein der Menschen ist).

Den Text, den ich gewählt habe, ist der von Thomas (S.30/31). Er ist recht klein gedruckt, aber ich habe ihn mit Absicht nicht vergrößert kopiert, um eben auch das Lesen der kleineren Schriftart zu beüben. Die TN hatten damit kaum Probleme. Gut zu wissen!
Der Text ist von einem Lerner in einer einfachen Sprache verfasst, und besteht überwiegend aus Hauptsätzen und sich wiederholenden Strukturen. Die Struktur "Ich ... gerne..." kommt 8-mal vor.

Ich habe den Text zunächst in Stillarbeit lesen lassen. Da kann sich jeder in seinem Tempo ohne Druck mit dem Text auseinandersetzen. Ich habe die Teilnehmer gebeten, Wörter, deren Bedeutung sie nicht kennen, an die Tafel zu schreiben. Es gab schon recht neuen und unbekannten Wortschatz und lange Wörter, wie "Ventilator", "Schlachtensee" (für Nicht-Berliner: das ist der Name eines Sees bei uns), "Wohngemeinschaft", usw. Danach habe ich ein Arbeitsblatt ausgeteilt, auf dem nur die Bilder abgedruckt waren: Cliparts von einem Ventilator und einem See, usw. "Wohngemeinschaft" schien etwas schwierig visuell darstellbar, aber ich habe ein Bild von einer Wohnung und ein Bild von mehreren Menschen (deutlich keine Familie) zusammengetan. Die Teilnehmer mussten nun Wörter und Bilder zuordnen und greifen dabei auf Strategien zurück: "Ventilator" heißt z.B. in Portugisisch ähnlich, der See passt zu dem Wort "Schlachtensee", die abgebildete Wohnung macht zusammen mit dem Wort "Wohngemeinschaft" Sinn. Zusammen klären wir abschließend die Wörter.

Danach gab es ein Arbeitsblatt mit Fragen zum Text. Jetzt, wo alle Wörter klar sind, gehen die Teilnehmer noch einmal in Einzel- oder Partnerarbeit den Text durch und beantworten die Fragen. Wir kontrollieren die Fragen zusammen und lesen den Text Satz für Satz - wobei ich, wenn das notwendig sein sollte, die Sätze paraphrasiere und erkläre.

Dann legen alleTeilnehmer die Texte weg und sie versuchen, sich gemeinsam an so viele Details wie möglich zu erinnern. Diese Details werden an der Tafel als Wortigel festgehalten. Wenn niemandem mehr etwas einfällt, dürfen wir zurück in den Text schauen: Haben wir etwas vergessen? Was?
Ich bitte die Teilnehmer dann, alle Verben im Text anzustreichen. Das klappte interessanterweise jetzt auch bei denen gut, die mit grammatischen Phänomenen sonst oft Schwierigkeiten haben. Sicherlich lag das daran, dass die meisten Sätze einfach gehalten und als Hauptsätze mit Verbzweitstellung geschrieben wurden. Wir markieren dann auch das Wort "gerne" und zeigen noch einmal, dass es in den allermeisten Fällen nach dem Verb steht.

Man kann die Unterrichtseinheit dann mit spannenden Diskussionen beenden: Wo geht es den Teilnehmern ähnlich wie Thomas, wo geht es ihnen anders? Vielleicht schreiben sie auch 4-5 Sätze über sich - was sie gerne machen, was ihre Familie macht, welches Verhältnis sie zu ihnen haben.

Fazit: Texte von Lernern sind eine wahre Fundgrube zur Unterrichtsgestaltung. Sie sind authentisch und einfach genug, damit Anfängerkurse sie verstehen können. Einen richtigen langen Text in kleiner Schrift lesen und verstehen zu können, war für meine Teilnehmer ein großer Motivationsschub. Es gibt unzählige Möglichkeiten, diese Texte aufzubereiten und kleine Aufgaben zu gestalten.

Texte von Lernern finden Kursleiter und andere Interessierte auch in der ABC-Zeitung der Oldenburger Selbsthilfegruppe oder die Lerner-Zeitung des Vereins Lesen und Schreiben e.V.

Deutschland aus einer anderen Perspektive

Die Teilnehmenden in meinem Integrationskurs mit Alphabetisierung sind ausgesprochen gerne in Deutschland. Ich habe sie einmal gefragt, was sie an Deutschland mögen, und was nicht so sehr. Sie haben es mir erklärt und ich habe es an der Tafel festgehalten - und das ist dabei herausgekommen:


Was niedrigschwellige Kurse so besonders spannend macht...

Während und nach meinem DaF/DaZ Studium habe ich verschiedene Kurse mit verschiedener Teilnehmeranzahl und verschiedenen Sprachständen unterrichtet. Nach meinem ersten Integrationskurs mit Alphabetisierung war mir klar, dass es besonders die niedrigschwelligen (Integrations-)Kurse mit lernungewohnten Teilnehmern/innen sind, die mir besonderen Spaß machen. Neulich habe ich mich gefragt, warum das eigentlich so ist. Und das ist dabei herausgekommen:
  1. Das Unterrichten in niedrigschwelligen Kursen gibt mir das Gefühl, wirklich einen Unterschied im Leben von Menschen zu machen - und zwar einen ganz fundamentalen Unterschied. Wer z.B. nicht ausreichend lesen und schreiben kann, kann nicht angemessen an der Gesellschaft teilhaben. Genauso ist es, wenn man in einem Land lebt, in dem man die Sprache nicht versteht. In anderen Kursen ist das anders: ob ein irischer Bankmitarbeiter nun Deutsch sprechen kann, oder nicht, wird dessen Lebensqualität nicht entscheidend beeinflussen. 
  2. Ich bin neugierig auf die Menschen, deren Leben so viel anders ist, als meines. Dabei wird es für mich immer wieder deutlich, dass die Kursteilnehmer/innen große Fähigkeiten und Kenntnisse in den verschiedensten Bereichen haben. Geringe Sprachkompetenzen sind kein Maß, an dem man einen Menschen messen darf. M., zum Beispiel, hat in El Salvador einen Bürgerkrieg überlebt, sie hat mit 15 ihr erstes Kind und mit 40 ihr letztes Kind bekommen, sie hat Heimat und Familie zurück gelassen – und sie hat trotzdem durchgehalten und sich eine große Lebenslust bewahrt. Sie ist eine großartige Köchin, Tagesmutter und Malerin, und sie ist nur ein Beispiel von vielen. Ich kann selbst so viel von den Kursteilnehmern/innen lernen.
  3. Es ist für mich eine besonders spannende Herausforderung, nicht ‚nur’ die Sprache so zu unterrichten, wie ich es selbst beim Erlernen einer Fremdsprache erlebt habe. Statt dessen kann ich in Bereiche vordringen, die für einen schriftsprachlichen Menschen so sehr schwer vorstellbar sind: Wie ist es, nie auf die Schule gegangen zu sein und daher weniger in Strukturen und Regelhaftigkeit zu denken?  
  4. Ich finde es auch interessant, beim „Schriftsprachentdeckungsprozess“ dabei zu sein und Aha-Erlebnisse mitzubekommen: „Ich bin so lange an diesem Schild vorbeigelaufen, jetzt weiß ich, was es bedeutet“. Für mich gibt es nichts Schöneres, als ein ehrliches „Ach so ist das, jetzt verstehe ich das endlich!“
Das alles mag idealistisch klingen, und soll nicht bedeuten, dass im niederschwelligen Kursalltag alles Sonnenschein ist. Lernerfolge gibt es durchaus, aber das Erlernen einer Sprache oder eines Schriftsprachsystems vollzieht sich sehr langsam - manchmal frustrierend langsam. 

Außerdem haben viele Lerner/innen schwere Geschichten durchgemacht, die sie teilweise in den Kursen verarbeiten. A., z.B., hat starkes Heimweh nach seiner Heimat in Samoa, M. weint bei einem Film über die Wiedervereinigung, weil sie sich an ihre eigenen Gewalterfahrungen in einem Bürgerkrieg erinnert. Die meisten bedrücken finanzielle, gesundheitliche, soziale Probleme (Schulden, Süchte, Streitigkeiten innerhalb der Familie), und es kann zu zwischenmenschlichen oder interkulturellen Auseinandersetzungen innerhalb des Kurses kommen. Allerdings sind letzlich auch das Lernanlässe und Teil der Integration, wenn man es so nennen will, und der individuellen Entwicklung des Lerners/in.

What is... Interkultur?

Quelle: Flickr (sulamith.sallmann)
Was Interkultur eigentlich ist wurde mir, wie es sich gehört, schon in der Einführungsvorlesung des Studiengangs "Interkulturelle Wirtschaftskommunikation" beigebracht.
Das Beispiel unseres Professors damals ist eins dieser Dinge, die mir vom Studium wohl immer in Erinnerung bleiben. Aus gegebenem Anlass habe ich letztens daran gedacht und möchte es hier teilen:

Stellen Sie sich zwei Menschen aus zwei unterschiedlichen Kulturen vor. Nehmen wir an, in der einen Kultur ist es üblich, sich die Hände zu schütteln, in der anderen nicht. Beide wissen jedoch voneinander, was in der jeweils anderen Kultur Sitte ist. Soweit klar? Interkultur ist nun das, was passiert, wenn diese zwei Menschen aufeinander treffen und sich begrüßen wollen. Was passiert? Besteht der eine darauf, dass in seiner/ihrer Kultur die Hände geschüttelt werden? Oder passt er/sie sich an die andere Kultur an? Passen sich beide sich an den jeweils anderen an?

Die Anwort ist nicht vorhersagbar. Wir können vorher nicht einschätzen, wer wem und ob überhaupt die Hände geschüttelt werden. Und so ist das auch mit der Interkultur - es ist weder die eine, noch die andere Kultur, es kann eine Mischung aus beiden sein, muss es aber nicht. In einem Aushandlungsprozess entsteht ein unabhängiges Drittes. Ein Ereignis, nur als Prozess denkbar; es wird permanent neu erzeugt.


Quelle: basierend auf der Vorlesung "Einführung in die interkulturelle Wirtschaftskommunikation", Prof. Jürgen Bolten, Uni Jena

Who is Who: Netzwerk Migration in Europa

Quelle: focus-migration.hwwi.de
Wissenschaft und Praxis. Im idealen Fall gehen sie Hand in Hand - oder zumindest doch eng zusammen. Das Netzwerk Migration in Europa hat sich die Förderung dieser Zusammenarbeit groß auf die Fahnen geschrieben. Dazu sind verschiedene Projekte ins Leben gerufen worden.
  • Ein Newsletter informiert regelmäßig über neueste Entwicklungen. Eng damit verbunden ist migration-info.de, ein Onlineangebot, das ein Archiv der bisherigen Newsletter darstellt, in denen dann gezielt gesucht und nachgelesen werden kann. Auch interessant: ein aktueller Terminkalender, der eine Aufstellung von relevanten Veranstaltungen und Call of Papers bereithält. Auf dass keine interessante Konferenz oder Diskussion mehr verpasst wird!
  • Gezielte Vernetzung wird mit der Expertendatenbank angestrebt. Hier können Fachleute aus Wissenschaft, Politik, Medien und Kultur mit bestimmten Schwerpunkten gesucht und gefunden werden. Natürlich kann man sich als Experte/in auch selbst in die Datenbank eintragen und so aktiv das eigene Netzwerk ausbauen.
  • (Zwangs)Migrationen und Menschenrechtsschutz sind wichtige Themen, die im Netzwerk Migration mit Hilfe von verschiedenen Onlineangeboten angesprochen werden. Das Serviceportal Migration Citizenship Education bietet Lehrmaterialien und deren Analyse sowie kleine aufbereitet Unterrichtseinheiten zu Migration, Minderheiten, Menschenrechten und vieles mehr. Das Serviceportal ist ausschließlich in englischer Sprache. Weiterhin bietet das Lernportal The Unwanted Informationen und interaktive Übungen zu den Zusammenhängen und Folgen von Flucht, Vertreibung und “ethnischer Säuberung” im Europa des 20. Jahrhunderts.



Who is Who: Proson GmbH

Quelle: www.proson.de
Mal wieder stelle ich einen Teilnehmer in der Berliner Bildungslandschaft vor, heute ist die Proson GmbH an der Reihe.

Das Unternehmen ist seit 1991 in der Erwachsenenbildung tätig. Eine Besonderheit ist dabei der verstärkte Einsatz von Blended Learning, also der Kombination von Präsenzunterricht und E-Learning. Seit 2002 widmet sich Proson verstärkt dem Unterrichten der deutschen Sprache. Zielgruppe sind dabei vor allem die ausländischen Mitbürger/innen. Mit der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Arbeit und Frauen und der Agentur für Arbeit sowie ausgewählten Unternehmen hat Proson eigene Lernkonzepte und die passende Lernsoftware entwickelt. Dabei orientiert sich der  Unterricht stark an den Anforderungen des Arbeitsmarktes (Themen sind zum Beispiel: Umgang mit Behörden, Ausfüllen von Formularen, Erstellen von Bewerbungsunterlagen, Recherche im Internet, u.Ä.). Zu dieser Qualifizierung in der Sprache werden für jeden Teilnehmer persönliche Strategien für Arbeitsmarkt erstellt - ein individuelles soziales und berufliches Profiling.

Über diesen berufsbezogenen DaF Unterricht hinaus ist Proson auch in der Alphabetisierung aktiv. Natürlich sind diese beiden Themen stark miteinander verbunden: viele Migranten sind in ihrem Heimatland nicht oder nur unzureichend lange in die Schule gegangen. Proson hat daher 2010 das Interaktive Kompetenzzentrum 'Alphabetisierung und Grundbildung und Deutsch als Fremdsprache im Blended Learning' ins Leben gerufen. Ziele dieses Kompetenzzentrums sind es,
  • Blended Learning Konzepte im Bereich der Alphabetisierung zu entwickeln und zu testen
  • eine Lernplattform und Online-Übungen für Alphabetisierung sowie DaF A1, A2 zu entwickeln
  • ein interaktives Lernzentrum für Geringqualifizierte einzurichten
  • Blended Learning Module durchzuführen
Fortschritte werden auf der Projekthomepage dokumentiert. Ein kleiner Informationsfilm ist auf YouTube und hier anschaubar:



Who is Who: Kulturbewegt e.V. Berlin

Kultur bewegt... das ist im Falle des Kulturbewegt e.V. sogar wörtlich gemeint. Beim Bewegen in Berlin, also bei Spaziergängen oder Fahrrad-Erkundungen können eine Stadt und ihre Kulturen kennen gelernt und erforscht werden. Aber natürlich bedeutet es auch im übertragenen Sinne, dass die Auseinandersetzung, das Bewegen zwischen den Kulturen, geistig ergreift, fasziniert, mitreißt.

Kulturbewegt e.V. will diese Bewegungen initieren und fördern. Zentral dabei, wie schon angesprochen, die Stadtteilführungen. Migranten zeigen dabei ihren Stadtteil aus ihrer eigenen Perspektive, mit vielen verschiedenen Routen, Schwerpunkten und in verschiedenen Sprachen. Dabei werden auch Moscheen besucht, die Integrationsarbeit vorgestellt oder der Rütli-Campus gezeigt, der sich vom Symbol von gescheiterter Bildungsarbeit zur Vorzeigeschule entwickelt hat. In Neukölln werden die Stadtführungen von Frauen durchgeführt, im Wedding von Jugendlichen. Gerade Jugendliche können als Stadtführer Verantwortung übernehmen und sich Schlüsselqualifikationen aneignen und üben. Allen Beteiligten wird ihr Kiez ein Stückchen heimischer, das Nachbarschaftsgefühl wird gestärkt - und Kulturen ein bisschen näher zusammen gebracht.

Who is Who: Jugendmigrationsdienst

Quelle: www.jmd-portal.de
Jeder, der (oder die) schon einmal im Ausland gelebt hat, wird sich erinnern können, wie schwierig es war, sich in der fremden bürokratischen Welt zurecht zu finden. Bis ich verstanden habe, was in Irland ein P45 ist und wofür ich ihn brauche... Geschweige denn, wie ich ihn bekomme.
Schon für einen Muttersprachler ist es nicht einfach, sich in der eigenen Amtswelt auszukennen (meine Einkommenssteuererklärung ist jedes Mal eine Herausforderung!) für jemanden aus einem anderen Land oder einer anderen Kultur ist es ungleich schwerer.

Der Jugendmigrationsdienst hilft jugendlichen Migranten bei genau diesen Problemen. Konkret bedeutet das, dass der Prozess der Integration (sprachlich, schulisch, sozial und beruflich), Chancengleichheit und Partizipation gefördert wird. Dies geschieht im Rahmen von Beratung in Einzelfall- und Gruppenarbeit. Der JMD hilft also bei der Lebensplanung und Arbeitssuche, bietet interkulturelle Trainings, Sprachlernangebote, Computerkurse, und Bewerbungstraining, aber auch Sportkurse und Musikunterricht, und so weiter.

Auf der Homepage wird von vielen Fallbeispielen erzählt. Abdula, 19, ist aus dem Irak geflüchtet und hat hier ein neues Leben angefangen. 10-Klassen-Abschluss hat er schon, jetzt sucht er nach einer Ausbildungsstelle.  Jose aus Peru ist nach Deutschland gekommen, um hier zu studieren. Dafür muss er zunächst die entsprechenden Deutschzertifikate schaffen. Madalina ist mit ihrem Freund aus Rumänien nach Deutschland gekommen. Er hat hier einen Job als Automechaniker gefunden, sie blieb monatelang zu Hause - die Angst angesprochen zu werden und nicht antworten zu können, war zu groß. Jetzt spricht sie Deutsch und arbeitet als Auszubildende im Hotel. Auch aus meinem Berliner Stadtteil, Neukölln, wird berichtet. Von Gülestan, die 22-jährige Kurdin, die 15-jährig mit ihren Eltern nach Deutschland flüchtete. Sie musste auch erst einmal die Sprache lernen - ihre Lehrer auf der Förderschule glaubten nicht daran, dass sie einen Abschluss schaffen würde - heute studiert sie.

Im Netz erfährt man nur von solchen Erfolgsgeschichten, aber ich bezweifle, dass die Berichte zu stark beschönigt sind. Ich bin davon überzeugt, dass nur Begleitung, Unterstützung und positives Feedback bei der Integration helfen können - Zwang, Repressionen und Desinteresse jedenfalls nicht.

Potenzial und Bereicherung - nicht Belastung

Interkulturelle Kompetenz? Großer Erfahrungsschatz? Hohe Motivation?
Es scheint, als ob das Potenzial, das in Menschen mit Migrationshintergrund steckt, auch langsam von Unternehmen und Organisationen erkannt wird.

Indiz Nr.1: Gerade erst habe ich in meiner Lokalzeitung eine Anzeige gefunden, die sich gezielt an Migranten wendet, um für die Ausbildung zum/r "Pflegeasistenten/in mit dem Schwerpunkt kultursensible Pflege" zu werben. Die Notwendigkeit und der Nutzen wird klar herausgestellt: "Krank sein und zur Behandlung im Krankenhaus liegen oder die Pflege durch einen ambulanten Pflegedienst zu benötigen, ist für alle Menschen gleich schlimm. Wenn dazu aber noch die sprachliche Verständigung schwer ist oder das Erleben der Krankheit auf einen anderen kulturellen Hintergrund trifft, ist der Patient verunsichert und der Heilungsprozess verzögert sich." Es wird also Pflegepersonal gesucht, das genau diese Kompetenzen, nämlich kulturelles Wissen und entsprechende Sprachkenntnisse, vorweisen kann.

Indiz Nr.2: Der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft e.V. hat heute die monatliche Hochschulperle an die Uni Oldenburg verliehen. Grund dafür ist das "Kontaktstudium Schulsozialarbeit", das es Flüchtlingen, anerkannten Asylbewerbern und Ausländern mit Aufenthaltserlaubnis ermöglicht, sich als Schulsozialarbeiter weiterzubilden. Durch die Schulsozialarbeit werden Kinder und Jugendliche auf ihrer Schullaufbahn unterstützt. In Großstädten ist ein Anteil von 60-90 Prozent an Schülern mit Migrationshintergrund nicht ungewöhnlich, und dadurch spielen die gemeinsamen Erfahrungen, Sprache und kultureller Hintergründe von Jugendlichen und Sozialarbeitern oder auch Pädagogen eine entscheidende Rolle.

Es wird also höchste Zeit, dass auch auf dem Arbeitsmarkt die besonderen Kenntnisse und Erfahrungen von Migranten als Bereicherung und Qualifikationen erkannt und nicht als Belastung empfunden werden. Nicht nur untereinander können Migranten als Arbeitnehmer wichtige Kompetenzen liefern (also als Unterrichtende mit Migrationshintergrund für Lernende mit Migrationshintergrund), sondern sie können auch das Weltbild und Wissen von allen Schülern, ganz gleich welcher Kultur, entscheidend erweitern. Ich will hier nicht abstreiten, dass es auf diesem Weg noch genügend Hindernisse zu bewältigen gibt (einige werden im aktuellen Newsletter des Netzwerks "Integration durch Qualifizierung" angesprochen), sondern nur ein kleines Plädoyer für eine sich ändernde Grundeinstellung halten. Migranten können eine riesige Bereicherung bieten - wenn sie als solche erkannt und akzeptiert wird.

KennenLernen

Quelle: neuköllner-talente.de

Gerade erst hat die taz darüber geschrieben. In der Berliner Woche, unserer Lokalzeitung habe ich vor einer Weile mal wieder davon gelesen. Die erste große Zeitung, die über die Neuköllner Talente berichtet hat, war die Sueddeutsche, und zwar schon 2008. Seitdem hat das Projekt viel Zustimmung erhalten, wurde im ZDF vorgestellt, und hat den dritten Preis des Deutschen Bürgerpreises gewonnen. Neuköllner Talente vermittelt Neuköllner Kinder, zwischen 8 und 12 Jahre alt, mit jeweils einem ehrenamtlichen Paten/in. 2-3 Stunden in der Woche unternehmen Pate/in und Patenkind etwas zusammen. Eine 60-jährige und ein 10-jähriger erkunden zusammen den Wannsee mit dem Ruderboot, eine 28-jährige geht mit ihrem 11-jährigen Patenkind in das Theater oder auch im Park spazieren. Dabei sollen die Paten bewusst nicht den Sozialarbeiter ersetzen oder Nachhilfeunterricht geben - sondern beide verbringen einen Teil ihres Alltags miteinander und lernen sich gegenseitig immer besser kennen. So entstehen Patenschaften, Freundschaften, und Kommunikation über Nationen und Schichten hinaus.